Daß die Belange von Forschung und Lehre immer öfter zu einem Fall für die Justiz werden, daran wird man sich zu gewöhnen haben. Daß die Belange der Kunst immer schon gern zu Fällen der Justiz gemacht wurden, das ist so, seit es Kunst gibt. Daß im Fall des Joseph Beuys die beiden Themen zusammentreffen und durcheinandergeraten, das macht diesen Fall so schwierig.

Joseph Beuys war ein Fall, seit es Joseph Beuys auf der Kunstszene gibt: Seine so private wie radikale Mythologisierung des Kunstobjektes, seine Ritualisierung des Entstehungsprozesses der Kunst und schließlich sein Versuch, seine Lehre auch in, wie er glaubt, praktikable Politik umzumünzen, haben aus Beuys von Anfang an einen Streitfall werden lassen; über Beuys den Künstler mag jeder denken (oder besser: fühlen), wie er will: das singuläre Phänomen Beuys als eine die kunstinteressierte Menschheit polarisierende Erscheiung ist eine Tatsache, die viel interessanter ist als das Ja oder Nein zu Beuys’ Kunst.

Ein Fall für die Gerichte wurde Joseph Beuys, der Dozent und Professor der Düsseldorfer Akademie, im Herbst vergangenen Jahres. Die fristlose Entlassung von Beuys am 11. Oktober 1972 durch Johannes Rau, den Wissenschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen, erklärte das Arbeitsgericht in einem Urteil vom 21. Februar 1973 für nichtig. Raus Vorwurf gegen Beuys, der mit 54 abgewiesenen Studenten das Sekretariat der Akademie belagert hatte, lautete auf Hausfriedensbruch. Im Urteil nun war einerseits die Rede davon, daß auch das Gericht zu der Ansicht neige, Beuys habe gegen seine Dienstvorschriften verstoßen; andererseits wurde festgestellt, daß das beklagte Land "stets vom Ruhm des Künstlers profitiert", sich aber erst in dem Moment zur Wehr gesetzt habe, "als es unmittelbar von seinen (Beuys) Aktionen betroffen wurde".

Das Urteil, das befand, daß die fristlose Kündigung als äußerstes Mittel nicht angemessen sei, votierte für Beuys den Künstler. Das Wissenschaftsministerium legte Revision gegen dieses Urteil ein, und in zweiter Instanz entschied jetzt das Landesarbeitsgericht gegen Beuys, den Angestellten, unter Berufung auf Paragraph 626 BGB, demzufolge das Dienstverhältnis ohne Einhaltung der Kündigungsfrist beendet werden kann, wenn Tatsachen vorliegen, auf Grund deren die reguläre Beendigung desselben nicht zugemutet werden kann.

Dies also ist der vorerst letzte Stand der Dinge in Sachen Beuys. Da anzunehmen ist, daß Beuys’ Rechtsanwälte ihrerseits Berufung einlegen werden beim Bundesarbeitsgericht in Kassel, der letzten Instanz, kann man den Fall kaum für beendet halten. Geklärt und erledigt jedenfalls ist nichts, solange nicht ein Urteil (der Text des jetzt ergangenen Urteils liegt noch nicht vor) das heikle und inzwischen landauf landab nicht mehr unbekannte Problem beim Namen nennt und gundsätzlich Stellung bezieht zu der Frage, wo die Grenzen und wo die Möglichkeiten des Künstlers in Staatsdiensten liegen.

Ein solches Urteil ist wichtig, weil im vorliegenden Fall beide Seiten das Ihre dazu beigetragen haben, durch Mythologisierung einerseits und Privatisierung andererseits das Problem zu vernebeln. Daß Beuys ein Un-Beamter war, wußte man lange, aber man hatte wohl den Eklat um den international renommierten Künstler gescheut. Daß Beuys selber, dessen Traum eine "Freie Internationale Hochschule für Kreativität und Interdisziplinäre Forschung" ist, nicht nur auf Wiedereinstellung dringt, sondern für seine Ernennung zum Beamten prozessiert, ist nicht minder erstaunlich.

Ein Urteil müßte nicht nur den Fall klären, sondern eine Norm setzen. Petra Kipphoff