Ist Julius Steiner seit langen Jahren östlicher Agent? Hat er die berüchtigten 50 000 Mark vom Staatssicherheitsdienst der DDR oder vom sowjetischen KGB bekommen? Hat er auch seine Enthüllungs-Bekenntnisse auf Weisung östlicher Auftraggeber abgelegt? Die Bundesanwaltschaft geht diesen Fragen neuerdings intensiv nach. Beweise sind für Uneingeweihte noch nicht erkennbar. Leute, die mit dem Geheimdienst-Metier und seinen Gepflogenheiten vertraut sind, sprechen der Agententheorie jedoch einige Plausibilität zu. Der Abgeordnete Steiner als "Berufsagent von mittlerem Level" – das ist nur eine von mehreren Meinungen. Aber es lohnt sich, die Indizien für diese Theorie nachzuprüfen. Die Beweiskette für die Agententheorie ist, wo nicht überzeugend, doch zumindest interessant.

Die Bundesanwaltschaft versucht, die nachrichtendienstlichen Kontakte von Julius Steiner zu klären. In diesem Fall ist Steiner nicht Zeuge. Er wird als Beschuldigter vernommen werden. Seine Verbindungen zum Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) Baden-Württemberg und zum Bundesnachrichtendienst (BND) sind strafrechtlich belanglos. Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft können sich also nur auf Steiners Beziehungen zu gegnerischen Diensten richten.

Julius Steiner war von 1954 bis 1961 für das Landesverfassungsschutzamt Baden-Württemberg tätig. Er wirkte mit beim Aufbau der von der SED/KPD gesteuerten "Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft" und lieferte Informationen über linksradikale Parteien und Gruppierungen. Das Landesverfassungsschutzamt zahlte ihm dafür ein monatliches Honorar von 300 bis 400 Mark. Danach arbeitete er kurze Zeit für den BND. Am 27. Oktober 1972 bot er sich erneut dem Verfassungsschutz an, nachdem ihm der frühere BND-Regierungsdirektor Hauschild nach Rücksprache mit der Zentrale in Pullach eine solche Verbindung geschaffen hatte. Steiner reiste während seiner nachrichtendienstlichen Tätigkeit mehrmals in die DDR.

Dies alles ist durch die Aussagen der Herren Dr. Lahnstein, Schüllke und Hauschild bestätigt worden. Über den Rahmen und den Zeitablauf seiner Verbindung mit Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst ist die Öffentlichkeit also unterrichtet. Über den Inhalt seiner Tätigkeit hingegen hat sich Steiner bisher allein geäußert. Dabei ist zum Beispiel nicht klar, ob die westdeutschen Nachrichtendienste von Anfang an davon unterrichtet waren, daß Steiner von der Gegenseite die Weisung hatte, Informationen über den CDU-Bundestagsabgeordneten Abelein zu liefern. Die Bundesanwaltschaft wird also klären müssen, welche Aufträge Steiner vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR oder vielleicht sogar vom sowjetischen KGB hatte, wieweit er seine westdeutschen Vertragspartner davon unterrichtete und wieweit die Ausführung dieser Aufträge durch Verfassungsschutz oder Bundesnachrichtendienst gedeckt waren.

Ausgangspunkt für die Prüfung könnten die bisher festgestellten Daten von Steiners nachrichtendienstlichem Weg sein, vor allem die Zeitlücke zwischen seinen letzten Aufträgen für den BND und seiner erneuten Kontaktsuche im Oktober 1972. Hintergrund der Untersuchung muß sein Charakter sein, der sich in diesem Lebensweg spiegelt.

"Jule" Steiner erscheint wie ein behäbiger Bürger, stets heiter und jedermanns unbedeutender Freund. Obwohl ohne soliden Beruf, vermittelt er den Eindruck der Honorigkeit, der einfältigen Menschen eigen ist. Wovon er die ganzen Jahre gelebt hat, wird nirgends so recht deutlich. Sicher: da waren die Nachrichtendienste, da war die Partei, da war sogar der Bundesnachrichtendienst. Er ist aber vorwiegend der Mann des kleinen, bequemen Profits. Ein Berufsagent von mittlerem Level.

Anfang der fünfziger Jahre fragten ihn Kommunisten oder Mitläufer, ob er etwas für den "Weltfrieden" tun möge und für die deutsch-sowjetische Freundschaft. Er vergewisserte sich des Interesses unseres Verfassungsschutzes und half in dessen Auftrag beim Aufbau der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft. Schon damals arbeitete in jeder Landesorganisation ein Mann des Staatssicherheitsdienstes der DDR. In der Normannenstraße in Ostberlin, dem Hauptquartier des Nachrichtendienstes, entstand so eine Akte "Steiner". Spätestens während seiner Arbeit für den BND kam Steiner in direkte Verbindung zum gegnerischen Dienst.