Weltjugendfestival in Ostberlin

Von Marlies Menge

Berlin, im August

Dieter weiß, wie man Spalier bildet, er kann im Takt zu "Frieden, Freundschaft, Solidarität" in die Hände klatschen, und er läßt mit bewundernswerter Geduld stundenlange Reden auf Solidaritätstreffen über sich, ergehen. Er ist DDR-Delegierter für die Weltfestspiele für Jugend und Studenten".

Sicher gibt es bedeutendere DDR,-Delegierte als ihn; solche, die sich durch "hervorragende Leistungen" qualifiziert haben. Dieter hat als Beitrag zum Festival lediglich seinem Betrieb in Ostberlin einen Sonnabend Arbeit geopfert, nicht genug, um den teuren, hellen Festival-Anzug zu bekommen und darin zur Eröffnung ins Stadion einmarschieren zu dürfen, auch nicht genug, um eine Woche lang fürs Festival von der Arbeit befreit zu werden. Dieter wird nur zeitweise fürs Feiern beurlaubt. Immerhin ist er Teilnehmer und hat eine offizielle Teilnehmerkarte, in der es heißt: "Dein Auftreten als Repräsentant der jungen Sozialisten der DDR wird zum Gelingen des großen Festivals beitragen."

Zum Gelingen trägt Dieter bei, indem er Gastgeberpflichten erfüllt: Er – und mit ihm viele andere Mitglieder der FDJ – empfing die Delegation der sowjetischen Komsomolzen am Ostbahnhof und einen Tag später die aus Vietnam, der Mongolischen Volksrepublik und Laos. Er half bei der Generalprobe zur Eröffnungsfeier, marschierte als Double für ausländische Delegationsmitglieder ins Stadion, ließ sich anschließend in einem der rund 1000 zur Probe bereitgestellten Busse durch die Stadt kutschieren, die eigens – zur Probe – abgesperrt war. Das Programm – eine Monsterveranstaltung mit Blasmusikern und Hunderten von Turnern – riß ihn mit: "Das war Schau! Eine richtig dufte Stimmung!"

Bei jedem Einsatz gibt es einen Verpflegungsbeutel: zwei Tüten Bonbons, zwei Tüten Kekse, zwei kleine Tafeln Schokolade, zwei Bananen, zwei Äpfel, eine Apfelsine. "Und auf allem ist das Festivalemblem", sagt Dieter. Einer der Festivalwitze geht so: "Das Festival sollte verschoben werden – man wollte noch das Emblem auf die Pille drucken." Der tägliche Verpflegungsbon über zwei Mark wird von ausgesuchten Restaurants und Geschäften eingelöst. Am Sonnabend kauft sich Dieter dafür Currywürste, am Sonntag Schweinebraten.