Skandal in USA: Die Exporte nach Rußland führen zu hohen Nahrungsmittelpreisen

Washington ist einem neuen Skandal auf der Spur. Die amerikanischen Verbraucher, die unter der Last explodierender Nahrungsmittelpreise stöhnen, geben den noch vor einem Jahr bejubelten Getreideverkäufen an Moskau einen großen Teil der Schuld an den drastischen Preissteigerungen bei Brot und Fleisch. Der Verdacht wächst, daß hohe Beamte in die dunklen Geschäfte verwickelt sind.

Henry M. Jackson, Vorsitzender des ständigen Untersuchungsausschusses des Senats, soll die Frage klären, wer für das Getreide-Fiasko die Verantwortung trägt; die Regierung oder die Getreidehändler? Die einen behaupten, das Landwirtschaftsministerium hätte im letzten Sommer von den massiven Getreidekäufen der Sowjets gewußt, sie aber vor der Öffentlichkeit, insbesondere den Bauern, verheimlicht. Die anderen sind der Ansicht, die großen Getreidehandelsfirmen hätten in ihren periodischen Berichten an die Exportaufsichtsbehörde wissentlich falsche Zahlen gemeldet.

Über den Ablauf des russischen Getreidekaufs im Wert von 1,1 Milliarden Dollar hat der amerikanische Rechnungshof einen Bericht angefertigt. Er kommt zu dem Ergebnis, daß die verantwortlichen Stellen im Landwirtschaftsministerium die Sache völlig falsch angepackt haben. Wieso derartige Fehlentscheidungen, die den amerikanischen Steuerzahler und Verbraucher insgesamt eine Milliarde Dollar kosten werden (so Senator Henry M. Jackson), überhaupt möglich waren, weiß jedoch auch der Rechnungshof nicht zu sagen.

Das Drama selbst verlief in mehreren Akten: Am 29. Juni 1972 trafen zwei russische Handelsmissionen in den Vereinigten Staaten ein. Die eine verhandelte offiziell in Washington über Getreidekäufe und Finanzierungskredite. Bereits am 8. Juli wurde daraufhin ein dreijähriger Lieferungsvertrag über Futtergetreide im Werte von 750 Millionen Dollar unterzeichnet. Dieses Geschäft – das erste dieser Art seit 1963 – wurde von Washington als großer politischer und wirtschaftlichen Erfolg gefeiert.

Die zweite sowjetische Handelsmission dagegen mied das Licht der Öffentlichkeit und verhandelte in aller Stille mit den großen Getreidefirmen. Noch ehe das offizielle Kreditarrangement abgeschlossen war, hatte Continental Grain, die größte amerikanische Getreidehandelsfirma, einen Vertrag über die Lieferungen von 260 Millionen Bushel Weizen (ein Bushel gleich 35,2 Liter) bis Juni 1973 abgeschlossen. Als das Landwirtschaftsministerium zusicherte, daß der Exportpreis durch Subvention auf höchstens 1,63 Dollar pro Bushel begrenzt werde –, entsprechend dem damaligen Weltmarktpreis – begannen die Getreidefirmen bei den ahnungslosen Bauern mit dem Aufkauf von Weizen zu Preisen, die unfänglich bei nur 1,32 Dollar je Bushel lagen. Schon zwei Wochen später kostete ein Bushel Weizen am Mexikanischen Golf 1,76 Dollar und die Subvention beim Export betrug dreizehn Cents.

Bis zum 2. August 1972 hatten die sowjetischen Händler in aller Heimlichkeit Abschlüsse über elf Millionen Tonnen Weizen in der Tasche. Diese Menge entsprach einem Viertel der amerikanischen Ernte. Zudem hatten die Russen 19 Millionen Tonnen Futtergetreide im Werte von 1,1 Milliarden Dollar gekauft.