Westerbrak

Nur wenige Kilometer von der Münchhausen-Stadt Bodenwerder entfernt liegt das Dorf Westerbrak. Es liegt abseits der Bundesstraße Nr. 240, und das hat ihm bis heute seine ländliche Stille bewahrt. Das Dorf – rund 250 Einwohner – gruppiert sich um ein altes Gut, dessen baumreicher verwilderter Park von einer Sandsteinmauer umschlossen wird, in das ein zierlich geschwungenes Portal im Stil der Weser-Renaissance (genannt "Engelstor") eingefügt ist. Wer sich dem Dorf auf der Kreisstraße 17 mit dem Auto nähert, muß scharf bremsen, denn die geschwungene Mauer innerhalb der Ortschaft macht die Straße unübersichtlich und verhindert, daß man im Rennpistentempo das Dorf durchfährt. Das Gute dabei: Die Westerbraker hatten bislang in ihrer Ortsdurchfahrt kein Unfallopfer zu beklagen.

Dem soll nun abgeholfen werden. Irgendein findiger Behördenmensch beschloß vor einiger Zeit, die Kreisstraße 17 (sie ist Zubringer für fünf Dörfer von und nach Bodenwerder) müsse ausgebaut werden. Frage: Warum eigentlich, da doch die parallel laufende Bundesstraße Nr. 240 in bestem Zustand ist und dem Verkehr genügt? Die Antwort ist einfach. In dem nur einen Kilometer entfernten Kirchbrak gibt es eine kleine Fabrik, die morgens und spätnachmittags "Berufsverkehr" erzeugt; auch wird die Kreisstraße 17 von jenen Dörflern befahren, die in der Stadt Bodenwerder arbeiten.

Leidtragender dieses Ausbaus wäre Westerbrak. Denn die rund tausend Meter Ortsdurchfahrt soll begradigt und verbreitert werden, und das heißt: Die Sandsteinmauer mit Engelstor muß beseitigt, einige Dutzend uralter, aber gesunder Bäume müssen abgeholzt werden; es heißt jedoch auch: Das Dorf kann künftig zügig durchrast werden, so daß man zwei Minuten früher in Bodenwerden sein kann. Und das bedeutet schließlich: Endlich darf auch Westerbrak teilhaben an jenen Verkehrsunfällen, die dem Dorf bislang erspart blieben.

Verständlich, daß die Einwohner von Westerbrak nicht beglückt sind. Verständlich auch, daß sie ihre Vorgärten der Straßenverbreiterung ungern opfern wollen. Nicht verständlich aber, daß sich die zuständigen Behörden den Teufel um solche Wünsche scheren.

Reden wir nicht von der nicht wieder gutzumachenden Verschandelung des Dorfes durch abgeholzte Bäume und Rennbahntrassierung. Sprechen wir von den Kosten. Das Landesamt für Denkmalschutz in Hannover hat sein Einverständnis für den Straßenausbau nur unter der Bedingung gegeben, daß Mauer und Tor wieder aufgebaut werden müssen. Das kostet rund 300 000 Mark, der gesamte Straßenausbau drei Millionen Mark.

Diese Zahlen nennt das niedersächsische Wirtschaftsministerium, weil der Ausbau längst nicht mehr Sache der Holzmindener Kreisverwaltung und des ausführenden Straßenbauamts Gandersheim ist, denn das Projekt wurde zum "Fall". Zeigten sich auch die Denkmalschützer leider kompromißbereit: Die Landschaftsschützer im Regierungspräsidium Hildesheim waren es nicht. Dort argumentiert man: Der Ausbau in Westerbrak zerstört die Struktur eines Renaissanceparks, er vernichtet Landschaft und Bäume ohne zwingenden Grund.