Was mich stört und empört an der neu-objektiven Hitler-Betrachtung ist gerade das, worin sie ihren größten Vorzug sieht: ihre privatärztliche Akkuratesse.

Peter Rühmkorf in "konkret"

Böll, Sowjetunion, Deutschland

Um sich falscher Freunde zu erwehren, hat Heinrich Böll seinen Interviews, in denen er sich offen und deutlich für die sowjetischen Dissidenten eingesetzt hatte, in der "Frankfurter Rundschau" einen Nachtrag hinterhergeschickt: "Wer sich hierzulande für Solschenizyn, Bukowski, Amalrik, Grigorenko, Maximow und Galitsch verwenden zu müssen glaubt, muß sich erst einmal legitimieren. Diese Legitimation besteht darin, sich im eigenen Land für Minderheiten, gegen Pressedemagogie, gegen Hexenjagd artikuliert zu haben." Derweil hat die "Prawda" Böll angegriffen, Radio DDR ihm vorgeworfen, er durchschaue "den Mechanismus des Apparats der herrschenden Klasse" (natürlich im Westen) nicht, und aus den Buchhandlungen der DDR sind seine Bücher verschwunden.

Bayreuth 1973

Am Mittwoch voriger Woche wurden die diesjährigen Bayreuther Festspiele eröffnet – mit einer Wiederaufnahme von Wolfgang Wagners "Meistersinger"-Inszenierung aus dem Jahre 1968, die das Publikum mit halbstündigem Applaus bedachte. Ebenso angetan reagierte es auf Götz Friedrichs "Tannhäuser"-Inszenierung, die im vorigen Jahr wegen "sozialistischer Tendenzen" noch Mißfallen erregt hatte. Neuinszenierungen gibt es in diesem Jahr nicht; das aber hält das Publikum nicht ab: Hunderttausend Interessenten hatten sich gemeldet, sechzigtausend Karten standen nur zur Verfügung.

Fünf Jahre Normalisierung