Von Andreas Hillgruber

"Anatomie der Aggression. Neue Dokumente zu den Kriegszielen des faschistischen deutschen Imperialismus im Zweiten Weltkrieg"; hrsg. und eingeleitet von Gerhart Hass und Wolf gang Schumann; VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1972; 239 S., 14,80 DM.

Vor vier Jahren veröffentlichten leitende Mitarbeiter des Arbeitskreises "Zweiter Weltkrieg" vom Zentralinstitut für Geschichte der Ostberliner Akademie der Wissenschaften einen ersten Dokumentenband über die "Rolle des deutschen Monopolkapitalismus bei der Vorbereitung und Durchführung des Zweiten Weltkrieges". Darin wurde der Anteil der Wirtschaftsverbände und industriellen Organisationen an der Kriegsziel- und Besatzungspolitik des "Dritten Reiches" beleuchtet und vom marxistisch-leninistischen Ansatz her interpretiert. In der ZEIT Nr. 44 vom 31. Oktober 1969 wurde dieses Werk als Herausforderung an die Zeitgeschichtsforscher der Bundesrepublik bezeichnet: Sie müßten endlich diesem wichtigen Thema die notwendige Beachtung schenken und in Auseinandersetzungen mit den Thesen der DDR-Historie – aber auch im Vergleich mit der Kriegszieldiskussion in Deutschland während des Ersten Weltkrieges – eine überzeugende, mit Belegen breit abgesicherte Darstellung erarbeiten, damit klar werde, wie Staats- und Parteibürokratie, Wirtschaftsorganisationen und militärische Führungsstäbe in den Jahren 1939 bis 1945 zusammengewirkt haben. Die Herausforderung ist bisher noch nicht angenommen worden.

Nunmehr liegt bereits ein zweiter Band vor, in dem, spezieller als im ersten, jene "Neuordnungs"-Pläne in Europa dokumentiert werden, die in den Jahren 1940 bis 1941 und 1943 in den deutschen Zentralinstanzen erörtert wurden. Die 49 Dokumente – im Gegensatz zum vorhergehenden Band wurden nicht nur Auszüge, sondern, so weit sinnvoll, der ganze Text abgedruckt – stammen zum größten Teil aus Bestanden des Bundesarchivs Koblenz und aus Filmsammlungen des Deutschen Zentralarchivs Potsdam.

Bei den Plänen geht es vor allem um einen deutsch beherrschten europäischen "Großwirtschaftsraum" (mit afrikanischen Ergänzungen), der nach dem Siege über Frankreich und in Erwartung eines "Ausgleichs" mit Großbritannien im Sommer und Herbst 1940 konzipiert wurde. Hier liegen Parallelen und Unterschiede zur Kriegszieldiskussion im Herbst 1914 (unter anderem zu dem sogenannten "September-Programm" Bethmann Hollwegs) für den Historiker zum Greifen nahe.

Ein Schlüsseldokument, hier zum erstenmal veröffentlicht (wenn auch schon in westdeutschen Studien ausgewertet), ist der Aktenvermerk über die "Chefbesprechung im Reichswirtschaftsministerium" vom 22. Juli 1940. Reichswirtschaftsminister Funk berichtete über "Vorarbeiten", zu denen er am 22. Juni (dem Tage des Waffenstillstandes mit Frankreich) von Hitlers Paladin Göring beauftragt worden war. Vorbereitet werden sollte der "Einbau der in das Reich eingegliederten und der besetzten Gebiete in die großdeutsche Wirtschaft", eine "wirtschaftliche Auseinandersetzung mit den Feindstaaten" und ein "Neuaufbau der von Deutschland geführten kontinentalen Wirtschaft und ihrer Beziehungen zur Weltwirtschaft". Die Dokumente belegen, daß die Initiative von der politischen Führung ausging, aber auch, daß die zu Stellungnahmen aufgeforderten Organisationen der Wirtschaft daran interessiert waren, die Lage auszunutzen, selber auch Wünsche anmeldeten und Anregungen gaben.

Die Herausgeber sprechen in ihrer Einleitung mehrmals vorsichtig vom "Zusammenspiel" der verschiedenen Institutionen, folgern dann aber aus einem Schreiben des Geschäftsführers der Wirtschaftsgruppe Feinmechanik und Optik, Karl Albrecht, an einen Mitarbeiter in der Abteilung VI (Außenhandel) der Reichsgruppe Industrie vom 29. Juli 1940, die Aussagekraft dieses Schriftstücks bei weitem überziehend, "daß von führenden Kreisen des Monopolkapitals in allen zum Entscheid stehenden Fragen richtunggebende Initiativen ausgegangen und zum Teil sogar unmißverständlich Drohungen ausgeübt worden sind, um bestimmte Fragen im gewünschten Sinne zu lösen".