Was in der EG-Metropole Brüssel seit langem befürchtet wird, hat sich erneut bewahrheitet: Bonn betrachtet Spitzenpositionen in der Gemeinschaft als Versorgungsposten für ausgediente Parteimitglieder. Zumindest trifft dies für die Nachfolge des bisherigen Generalanwalts beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg, Karl Roemer, zu. Neuer Generalanwalt wurde nämlich Gerhard Reischl, früher SPD-MdB und Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium.

Dort allerdings hatte der Oberlandesgerichtsrat Reischl recht glücklos operiert. Und als Alex Möller im Frühjahr 1971 von seinem Ministeramt zurücktrat, mußte auch Reischl gehen – worüber im Finanzministerium niemand eine Träne vergoß. Vor einigen Wochen hatte das Bonner Justizministerium noch dementiert, daß Reischl Generalanwalt werden sollte und damit in den Kreis erstrangiger und prominenter Rechtsgelehrter aus allen europäischen Nachbarländern aufgenommen würde. Aber Bonner Dementis scheinen einen zweifelhaften Wert zu haben.

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Vor Reischl hatte Bonn bereits für einen anderen ehemaligen Staatssekretär gesorgt: für Brigitte Freyh aus dem Entwicklungsministerium. Brigitte Freyh (SPD) wird neben Gerhard Fritz (CDU) zweite gleichberechtigte Kuratorin. bei der "Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung" in Berlin. Was die SPD in ihrer Oppositionszeit häufig an der Regierung kritisierte, nämlich den allzu freigiebigen Umgang mit Versorgungsposten, praktiziert sie offensichtlich inzwischen selbst.

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Die Affäre um den Fall Steiner könnte eine überraschende Wendung nehmen, wenn sich die Mitglieder des Untersuchungsausschusses auf den jüngsten Bonner Witz zurückziehen. Danach hat sich die Sache wie folgt abgespielt: Eine Stunde vor der Abstimmung über das konstruktive Mißtrauensvotum trifft der CDU-Abgeordnete Julius Steiner den SPD-Kollegen Karl Wienand mit einer Trauermiene an. Steiner zu Wienand: "Warum sehen Sie denn so traurig aus?" Wienand: "Na ja, die Abstimmung verlieren wir doch." Steiner: "Wetten, daß Brandt Bundeskanzler bleibt." Wienand ist zur Wette bereit und fragt nach, dem Einsatz. Steiner darauf: "Um 50 000 Mark.‘ Wienand verlor die Wette.