Aufsätze englischer Schüler: Wie stelle ich mir das Leben als 50jähriger vor?

Von Georg Noy

Wie viele Teenager unserer Tage freuen sich auf das Leben im einundzwanzigsten Jahrhundert? Ginge es nach den sehr nüchternen Erkenntnissen eines guten Teils von ihnen, dann wird diese Zukunft für sie nur knapp beginnen. Nicht, daß sie etwa, was doch nahe läge, die Hufschläge neuer apokalyptischer Reiterhorden vernehmen würden – jedoch: "Ich glaube, Menschen sollten im vorgeschrittenen Alter von fünfzig Jahren umgebracht werden. Sie nehmen dann nur den Jungen die guten Stellen weg. Die Welt hat keinen Bedarf mehr für sie, ihre Häuser und so weiter könnten für junge Leute benutzt werden, die eine wichtige und fruchtbare Rolle im Land und in dieser Welt spielen."

Diese Zeilen, diese gar nicht bösartig gemeinten Erkenntnisse frei von Leidenschaft stammen aus einem der Aufsätze, die britische Teenager in Mittelschulen und höheren Lehranstalten geschrieben haben. Das Thema schien harmlos, und an solche Zielrichtung war nicht gedacht: Die Schüler sollten sich einfach vorstellen, wie sie im Alter von etwa fünfzig Jahren leben würden – mithin in einem Lebensabschnitt, der dann aller Vermutung nach noch in die Höhe des Daseins eingemeindet sein würde; medizinischer und technischer Fortschritt zum mindesten verlocken zu solcher Voraussicht.

Doch die Antwort der Jungen strotzte durchweg von vitalem Atavismus und projizierte ins einundzwanzigste Jahrhundert hinein eine biologische und gesellschaftliche Ordnung, die schon das neunzehnte ächzend überwunden zu haben meinte: "Ich erwarte nicht, mit fünfzig noch am Leben zu sein, aber wenn ich’s bin und Kinder habe, dann werden sie hoffentlich nach mir sehen und mich anständig behandeln." – "Ich glaube nicht, daß ich es aushalten kann, alt und häßlich zu werden. Vielleicht, wenn noch eine Falte kommt oder noch ein graues Haar, dann werde ich Schluß machen."

Mit fünfzig, wohlgemerkt – nicht mit siebzig oder achtzig. In nahezu allen Aufsätzen beschrieben sich die jungen Leute an der Schwelle ihres sechsten Jahrzehnts als Wracks, reif für den Schutthaufen. Tod erscheint ihnen vorstellbar. Die Traurigkeiten hohen Alters können sie beschreiben, verlegen sie aber in einen Lebensabschnitt, wo sie noch nicht vorhanden sind – Trostlosigkeit scheint ihnen für Fünfzigjährige unerläßlich: "An diesem Morgen war es kalt. Ich zog frierend die Vorhänge im Wohnzimmer auf. Wassersträhnen rannen die Scheiben hinunter. Ich starrte hinaus, sah aber nichts. Ich fühlte mich absolut leer." Mit einem Wort, das Alter, in dem ungefähr sich der Gegner befindet, das Elternpaar, Lehrer oder kommende Prinzipale – dieses Alter ist den Fünfzehn- oder Sechzehnjährigen einfach nicht vorstellbar. Es ist schlimmer als wirkliches Alter, und sie statten es mit allen Anzeichen des Nicht-Lebens aus, die ihnen zur Verfügung stehen.

Verfall und Krankheit