Reform des Währungssystems

Von Rudolf Herlt

Ob der Nachfolger des Weltwährungssystems von Bretton Woods einmal "System von Nairobi" heißen wird, ist noch ungewiß. Sicher ist bisher nur, daß auf der nächsten Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds, die am 24. September in Nairobi beginnt, die Umrißskizze eines reformierten Systems veröffentlicht werden soll. Wenn Minister zum Erfolg verdammt sind, scheuen sie sich nicht, der staunenden Öffentlichkeit auch halbfertige Werke zu präsentieren.

An dem neuen Werk arbeiten Experten aus zwanzig Ländern seit September 1972 mit Bienenfleiß. Dennoch war es ihnen bisher nicht gelungen, für die wichtigsten strittigen Punkte Vorschläge zu erarbeiten, die von allen gebilligt werden. In diesem Gremium gibt es nicht nur den natürlichen Interessengegensatz von entwickelten Ländern und Entwicklungsländern, sondern außerdem den diesseits und jenseits des Atlantik mit viel Ausdauer gepflegten Gegensatz zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten. Unter solchen Umständen haben die geplagten Experten für alle offenen Fragen Alternativantworten ausgearbeitet. Die Politiker haben aber die Entscheidungen bisher vor sich hergeschoben.

Erst in diesen Tagen hat sich dies geändert. Unter dem Eindruck akuter Währungsunruhen mochten die Minister von ihrem Treffen in Washington Ende Juli nicht abermals nur den Termin für eine neue Sitzung mit nach Hause bringen. Bundesfinanzminister Helmut Schmidt hat ein Dokument mit nach Washington genommen, in dem die Bundesregierung – sicherlich nicht ohne Abstimmung mit den Partnern der Europäischen Gemeinschaft – den Amerikanern Konzessionen machte, die im Endeffekt in einem wichtigen Punkt zu einem "Durchbruch" führten, wie Schmidt euphorisch verkündete. Der französische Wirtschafts- und Finanzminister Giscard d’Estaing offerierte seinerseits einen Vorschlag: Bestände an Währungsreserven, die einen bestimmten Pegel übersteigen, sollen mit einem Negativzins belegt werden. Damit waren die Zutaten bereitgestellt, aus denen dann in Washington der Kompromiß gekocht wurde.

Das Kardinalproblem, für das der Durchbruch gefunden wurde, lautet: Wie kann vermieden werden, daß in Zukunft Wechselkursanpassungen verzögert werden? Das System von Bretten Woods hätte noch für viele Jahre der Ordnungsrahmen bleiben können, wenn die Regierungen der Mitgliedsländer jeweils rechtzeitig Auf- oder Abwertungen beschlossen hätten. Aufwertungen wurden stets aus Furcht vor den Konsequenzen für den Export, die Konjunktur und die Einkommen der Bauern in Europa im rechten Zeitpunkt unterlassen. Abwertungen wurden von Ländern mit schwachen Währungen meist aus Sorge um das Prestige hinausgeschoben.

Diese Mängel vor Augen, haben sich die Minister darauf geeinigt, daß Überschuß- und Defizitländer gleichermaßen ihre Wechselkurse rechtzeitig anpassen müssen, damit sie das Gleichgewicht in ihren Zahlungsbilanzen wiederherstellen. Das Neue dabei sind gewisse sanfte Druckmittel, die die Regierungen an ihre Pflichten erinnern sollen. Die Amerikaner hätten gern eine gewisse Automatik eingebaut. Sie wollten Auf- oder Abwertungen von Veränderungen in den Reserven abhängig machen. Die Europäer, voran die leidgeprüften Deutschen, haben dagegen stets eingewendet, daß die Höhe der Währungsreserven noch nichts darüber aussagt, ob eine Währung unter- oder überbewertet ist.