Von Peter Demetz

Schriftsteller wie Dickens oder Thomas Mann besaßen ihre alterslose Gegenwart in der Kontinuität ihrer Bücher, aber wie altern die Revolutionäre der Literatur? Sie haben ihren explosiven Augenblick, da sie aller Augen an sich ziehen, die Streitgespräche, Schlagzeilenpolemiken, den Leitartikel in der "Revue des deux Mondes", Blitzlicht und Polzeibericht; und dann? Spaziergänge der nachdenklichen Rentiers, welche die Welt nicht mehr verstehen, oder ein Sprung in die kühne Unsichtbarkeit eines ganz und gar anderen Lebens, Rimbaud als Waffenschmuggler in Abessinien oder Dada Hülsenbeck, der Schrecken der Zürcher und Berliner Cafés, als mondäner Psychoanalytiker an der richtigen Adresse am Rande des New Yorker Central Park?

Nur die Glückskinder vermochten sich selber zu erhalten: gegen Zeit, Gesellschaft, Staat (hüben und drüben), und wie so ein literarisches Glückskind von achtzig Jahren denkt und mit lustvoller Energie für seine Sache einsteht, ist dem neuen Buche von

Viktor Schklowskij: "Von der Ungleichheit des Ähnlichen in der Kunst", herausgegeben und übersetzt von Alexander Kaempfe; Carl Hanser Verlag, München; 181 S., 22,– DM

zu entnehmen. Persönliche Erinnerungen, Literaturtheorie und aktuelle Polemik gemischt und vereint: ich lese das Ganze als Beiträge zur hohen Kunst des Überlebens, ohne melodramatischen Heroismus; als Dokumente einer ungewöhnlichen Loyalität zu sich selber, die nach dem jahrzehntelangen Ritual der amtlichen Maßregelungen und kritischen Selbstbezichtigungen in schärferen und öffentlichen Konturen hervortritt.

Vorgestern noch aktives Mitglied der sozialrevolutionären (nicht bolschewistischen) Partei, einer der Chorführer der mißachteten Formalisten, der ungezogenste Liebling der experimentellen Grazien in Prosa und Sowjetfilm, heute einer der großen alten Männer der russischen Literatur, dessen Gedanken längst im "Westen" Eingang gefunden haben (durch Victor Erlich in Amerika, Tzvetan Todorov in Frankreich, Jurij Striedter und die Konstanzer Gruppe in der Bundesrepublik) – ja selbst der Heimatstaat ist wie bereit, die Zähigkeit dieses Intellekts durch den Orden vom roten Banner der Arbeit (1963) und, besser noch, durch eine bequeme Wohnung im Schriftstellerbezirk zu bestätigen, wo Viktor Borisowitsch inmitten seiner alten Bilder den Gedanken an seine Freunde Majakowskij und Chlebnikow in den Gewittern der Revolution nachhängen darf.

Die Schwierigkeit liegt darin, daß Schklowskij seine eigene Art hat, über sich und seine Gedanken zu schreiben: Er nennt seine Texte selber "Erzählungen über Prosa" (meine unzulängliche Übersetzung von povesti o prose), kombiniert die epische Gestik der altrussischen Sage mit dem fin-de-siècle-Feuilleton, berichtet in einem Atemzug vom Hütchen seiner Großmama, argumentiert im nächsten für eine theoretische Transformation des Verfremdungsbegriffes, zitiert Aristoteles, Joyce und John Updike (immer gut gedeckt durch goldene Lenin-Worte) und rupft noch im Vorübergehen seine Hühnchen mit den sozialistisch-realistischen Dogmatikern und den neuesten Strukturalisten.