Fünf Weltrekorde und 24 Europarekord: schwammen neun Mädchen, 14 bis 19 Jahr: jung, in den vergangenen zwölf Monaten. In so klassischen Disziplinen wie 100 m Freistil, in so strapaziösen Konkurrenzen wie 200 m Delphin oder 200 m Lagen und obendrein auch in den Staffel Wettbewerben 4 × 100 m Freistil oder 4X100 m Lagen. Die Namen dieser neun Mädchen haben Furore gemacht, und sie selber haben die selbstsicheren, von Erfolgen verwöhnten US Girls frösteln und die 16jährige australische Blondine Shane Gould resignieren lassen. Und doch sind diese neun Mädchen nur die attraktiv: Spitze eines gewaltigen Eisberges, denn nicht die spektakulären Welt- und Europarekorde sind das Phänomen des DDR-Frauenschwimmsports, sondern seine ungewöhnliche Breite. Seine Heerscharen systematisch aufgebauter und sorgfältig trainierter blutjunger Talente lassen sich nur mit amerikanischen Maßstäben messen und haben endgültig und unwiderruflich die These ad absurdum geführt, wonach man nur im sonnigen Kalifornien Weltklasseschwimmerinnen en masse entwickeln könne.

Die jüngste dieser schnellen Nixen ist die Beste: Kornelia Ender vom SC Chemie Halle wird erst am 25. Oktober 15 Jahre alt. 58,25 Sekunden über 100 m Freistil sind zweifellos der Rekord der Rekorde, doch ihre Weltrekorde über 100 m Delphin (1:03,0 und 1:02,3) und über 200 m Lagen (2:23,0 Minuten) machen sie zur besten und vielseitigsten Schwimmerin der Welt. Zum erstenmal seit den Zeiten der Holländerin Cockie Gastelaars, die 1956 drei Weltrekorde kraulte, ist eine Europäerin wieder die schnellste Schwimmerin der Welt. Kornelia Ender ist ein typische: Kind ihrer Zeit und ihres Landes: Ihr Vater ist Offizier der Nationalen Volksarmee der DDR, die Mutter Oberschwester in einem Bitterfelder Krankenhaus. Sie selber wurde in der Spartakiade groß, dem engmaschigen Talentsieb des ostdeutschen Sports: Achtmal war sie 1970 bei der Bezirks-Spartakiade in Halle erfolgreich, sechs Goldmedaillen holte sie sich im gleichen Jahr bei der DDR-Spartakiade. Ein Jahr später war sie Jugendeuropameisterin über 200 m Lagen. Zwei Jahre später gewann sie in der gleichen Disziplin olympisches Silber.

Evelyn Stolze, am 8. Januar 1954 geboren, ist die älteste dieser neun Rekordschwimmerinnen. Ihr sportlicher Ruhm ist schon etwas verblaßt. Drei Europarekorde schwamm sie 1970 und 1972. Mit dem letzten – 5:06,96 Minuten über 400 m Lagen – wurde sie in München Olympiafünfte. Jugendeuropameisterin war sie 1969 über 200 m Delphin gewesen. Ein Jahr später, 1970, war sie Europameisterin über 400 m Lagen. Evelyn Stolzes Laufbahn klang in München aus, Kornelia Enders Stern ging an gleicher Stätte strahlend auf. Beide erlebten Entwicklungsstadien, die sie eigentlich nicht zum Leistungssport prädestiniert erscheinen ließen: Evelyn Stolze hatte sich der Schwimmsektion der SG Medizin Lichtenberg in Ostberlin nur deshalb angeschlossen, weil ihr der Arzt orthopädisches Schwimmen zur Haltungsverbesserung angeraten hatte – Kornelia Ender verschrieb ein Arzt Schwimmen als Rezept gegen leichte Hüftschmerzen. Die Hüftschmerzen sind Vergangenheit.

Andrea Eife vom SC Dynamo Berlin, 17, ist Europarekordlerin über 200 m Freistil und 200 m Rücken; Rosemarie Kother vom gleichen Klub und gleichfalls 17 Jahre jung, hält den Europarekord über 200 m Delphin; Renate Vogel vom SC Karl-Marx-Stadt, 18, und Gudrun Wegner vom SC Einheit Dresden, 18, waren in diesem Sommer die schnellsten Mädchen der Welt über 100 m Brust und 400 m Lagen. In sieben von zwölf olympischen Einzeldisziplinen führen die DDR-Schwimmerinnen die Weltranglisten an. Dem „Rest der Welt“ bleiben fünf erste Plätze, einschließlich der USA, deren Meisterschaften allerdings noch ausstehen und die sicherlich einige Veränderungen bringen werden.

Doch schon jetzt steht fest: Seit Jahrzehnten waren die Zeiten der amerikanischen Schwimmerinnen das Maß aller Dinge. Wer immer in der Welt, ob in Europa, Australien oder in Japan, im Frauenschwimmsport – der Begriff Frauen nimmt sich angesichts des Alters dieser schnellen Mädchen leicht paradox aus – ein wenig mitmischen wollte, hatte sich gefälligst nach den Leistungen der US-Girls zu richten. Doch dieser Maßstab stimmt nicht mehr. Den amerikanischen Trainern muß es wie eine „verkehrte Welt“ vorkommen: Sie müssen sich nun nach den in Ostberlin am zweiten Juli-Wochenende in unglaublicher Fülle geschwommenen Zeiten orientieren, wenn sie bei den ersten Weltmeisterschaften Anfang September in Belgrad nicht hinterherschwimmen wollen. 58,25. Sekunden über 100 m Freistil oder 1:02,3 Minuten über 100 m Delphin aber dürften derzeit selbst für die Amerikanerinnen im buchstäblichen Sinne „Traumzeiten“ sein. Daß für diese Mädchen aus Halle, Leipzig, Karl-Marx-Stadt, Ostberlin, Dresden und Rostock der Europa-Cup am 18. und 19. August im niederländischen Utrecht nur eine Formfrage ist, steht selbstredend fest. Sie haben sogar die faszinierende Chance, alle vierzehn Konkurrenzen in Utrecht für sich zu entscheiden, wenn es ihnen gelingt, auch die 18jährige far.bige Niederländerin Enith Brigitha zu schlagen, die mit ihrem Europarekord von 1:06,1 Minuten über 100 m Rücken die Weltrangliste der nacholympischen Saison anführt. Karl Morgenstern