Von Jürgen Lodemann

Die "Arbeiterliteratur" etabliert sich. Unabhängig davon, daß zwischen Nürnberg und Dortmund immer weniger klar ist, von wem und für wen, wie und zu welchem Ende sie zu schreiben sei – sie wird geschrieben. Und die Großverleger steigen ein. Bei Piper stürzte der erste Baukran um, Bertelsmann verhandelt mit Werkkreisen, und S. Fischer ist schon da: Die Holtzbrinck-Tochter mit ihrem ansehnlichen Eigentum an Produktionsmitteln widmet den Texten des "Werkkreises Literatur der Arbeitswelt" (Programm: "paßt sich der Vermarktung der Literatur in den Händen weniger nicht an" ) eine eigene Taschenbuchreihe, in der sechs Bände pro Jahr erscheinen sollen. "Der Werkkreis ... ist sich dabei bewußt, daß er unter den Bedingungen einer kapitalistischen Produktion die Möglichkeiten eines Medienkonzerns zu nutzen hat, um die Bücher massenhaft zu verbreiten."

In der Tat, massenhaft verbreitet zu werden verdiente der erste Titel –

Helmut Creutz: "Gehen oder kaputtgehen", Betriebstagebuch; FT 1367, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt; 160 S., 3,80 DM.

Der Autor notiert zwischen dem 1. September 1967 und dem 30. Oktober 1970 in 137 Eintragungen, was sich in seiner Firma ereignet, einem Krefelder Handwerksbetrieb mit fünfunddreißig Mitarbeitern: Tod des Inhabers, Verkauf der Firma, Reden des neuen Inhabers von "Vertrauen" und "Gemeinsamkeit", Manipulationen, Schikanen, Erpressungen, Kündigungen, Arbeitsprozesse, Drohungen, Polizeiaktionen, Belegschaftsversammlungen, Teilerfolge der Lohnabhängigen, gesundheitliche Folgen, schließlich Kündigung des Autors nach einundzwanzig Jahren Betriebszugehörigkeit.

Kein Krimi hat mich noch so gefesselt wie dieses Buch. Das liegt sicher daran, daß ich weniger Sinn für ausgedachte als für vorhandene Kriminalität habe. Es lassen sich aber sogar ästhetische Gründe nennen.

Zum einen: Aller Exaktheit und Glaubwürdigkeit zum Trotz hat dieses Buch einen Helden, zwar einen negativen, aber einen wie aus dem Bilderbuch, nämlich dem vom Kapitalismus. Man muß ihn verwünschen und hassen, von einer Tagebucheintragung zur anderen wachsen Anteilnahme, Zorn, aber auch Neugier: Was hat dieser Boß sich jetzt wieder ausgedacht an Infamie, an Tricks, Manövern und Fallen, und wie reagieren sie, die Abhängigen – fallen sie drauf rein, resignieren sie, kontern sie? Werden sie gehen oder kaputtgehen?