Typologie der deutschen Burgenbauer

Von Werner Klose

Über die Psyche der Burgenbauer wissen wir wenig. Da tappen wir noch ganz im dunkeln. Aber das Dunkel endlich zu erhellen, ist um so notwendiger, da die Strandburg nachweisbar nationalspezifisch ist. Denn wo immer man zwischen Adria und Eismeer den Sandstrand zerwühlt, seufzen die Einheimischen: "Die Deutschen sind wieder da!" Wer die Psyche der Strandburgenbauer erforscht, macht sich deshalb um eine Definition unseres Nationalcharakters verdient. Da die Strandburgenforschung noch eine junge Wissenschaft ist, kann unser Beitrag das Phänomen als solches selbstverständlich nur strukturell und in ersten Intentionen erfassen.

Versuchen wir aber eine selbstredend nur vorläufige Typologie des deutschen Burgenbauers, so wird man mit den Praktikern beginnen müssen. Sie bauen Burgen, um sich das Strandleben zu erleichtern. Die aufgeschütteten Wände halten Treibsand, Salzluft und Meereskühle ab, so daß man ohne Zähneknirschen und Rheuma liegen kann. Die Burg ist Fundament für schattige Sonnensegel an heißen Tagen. Sollen bei stürmischem Nordwest die Kleider gewechselt werden, können sich die Prüden unter den Praktikern hinter der Burgmauer verstecken, und die Spanner aus den Nachbarburgen haben das Nachsehen. Die Praktiker bauen auch, um sich zu bewegen; denn Bewegung ist gesund. Die Burgen der Praktiker bleiben schmucklos funktional, und ihre Erbauer begnügen sich mit notwendigsten Reparaturen.

Die Häuslichen sind den Praktikern nahe verwandt, doch während sie bauen, ist das deutsche Gemüt bereits motiviert. Sie graben nach Tiefe, sie bauen Weltanschauung. "My Castle is my home", sagen sie und meinen: "Wo meine Strandburg ist, da bin ich deutsch und auch im Urlaub zu Hause." Viele zeigen auch äußerlich, daß der Ferienplan der Firma sie zu Heimatvertriebenen gemacht hat; ihre Burgen, heißen: "Berlin", "Mutterschied", Gelsenkirchen", "Bietigheim", "Hamburg" oder programmatisch "Hessen vorn". Der für drei Wochen verlorenen Heimat eingedenk, werden Landesflaggen eingepflanzt und Städtewappen in erlesener Muschelheraldik gepuzzelt. Den Häuslichen wird die Strandburg zum Eigenheim für die Ferien, auf Sand gebaut – je nun, das sind die meisten Eigenheime auch zu Hause.

An sich sind die Häuslichen auch am Strande friedfertige Leute, aber da kommt eines Morgens ein ganzer Familienclan zu seiner Burg, in der sich ein argloses Pärchen für eine halbe Sonnenstunde zusammengekuschelt hat. Da steigt dem Familienboß Infarktröte ins Gesicht, und hinter seinen Brillengläsern blitzen kosmische Katastrophen. Mutter faßt die Sandschaufel fester, und gierig suchen die Gören nach Prügeln aus dem Abraum der letzten Flut. Eilig entflieht das verschreckte Pärchen, und Tochter Brunhild malt für künftige Fälle ein Schild: "Unbefugten ist das Betreten der Burgenbaustelle verboten. Familie Ellermonk."

Die Baulöwen