600 aktive Jugendvertreter müssen nach Beendigung der Lehre einen neuen Job suchen

Wenn der Bundestag Mitte September aus den Ferien zurückkehrt, werden sich die Abgeordneten mit dem Verlangen konfrontiert sehen, ein erst eineinhalb Jahre altes Gesetz wieder zu ändern. So jedenfalls will es der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Rappe, der gleichzeitig Vorstandsmitglied der IG Chemie-Papier-Keramik ist.

Rappe: "Wir wollen nicht weiter zusehen, wie aktive Jugendvertreter, die sich für die Interessen der Jugendlichen einsetzen, die sie zu betreuen und zu vertreten haben, einer Kündigungswelle zum Opfer fallen." –

Jugendvertreter sind nach dem am 19. Januar 1972 in Kraft getretenen Betriebsverfassungsgesetz zur Unterstützung des Betriebsrates da. In Betrieben mit über fünf Beschäftigten unter 18 Jahren sollen sie "die besonderen Belange der jugendlichen Arbeitnehmer" wahrnehmen.

Sie werden von den Lehrlingen und jugendlichen Arbeitnehmern direkt gewählt und haben einen dem Betriebsrat ähnlichen Status. Am 29. Juni dieses Jahres empörte sich nun die Gewerkschaftszeitung "Welt der Arbeit" darüber, daß die Bayern-Lehrlinge Norbert Böker und Georg Allroggen trotz guter Noten nach Beendigung der Lehrzeit nicht in ein Arbeitsverhältnis übernommen wurden – obwohl das Unternehmen gleichzeitig Chemielaboranten suchte. Beide Lehrlinge waren Jugendvertreter bei Bayer.

Fünf Wochen später berichtete das Blatt in großer Aufmachung über zwei weitere Falle. So war dem Lehrling Jochen Bloch zwar wegen "guter Leistungen" ein halbes Jahr seiner Ausbildungszeit erlassen worden, seine Lehrfirma, das Hamburger Außenhandelshaus Alfred C. Toepfer, mochte ihn jedoch wegen "schlechter Leistungen im Betrieb" nach dem Ende der Lehrzeit nicht weiterbeschäftigen. Und in Heidelberg mußte die Photolaborantin Elli Kreilach – Abschlußnote gut – ihre Lehrfirma V-Dia wegen "schlechter menschlicher Kontakte zu ihren Vorgesetzten" verlassen. Beide waren Jugendvertreten.

Inzwischen hatte sich zwischen dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und den Arbeitgebern ein heftiger Streit um die Jugendvertreter entwickelt. Während die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände meinte, "nur in ganz wenigen Fällen" seien Jugendvertreter nicht übernommen worden, sammelte die DGB-Zentrale rund 600 Fälle.