ARD, Freitag, 3. August: "Costa del Sol, fest in deutscher Hand", von Hannes Meier und Hans-Henning Stief

Die Dusche kam, als der Film zu Ende war: Da klingt ein Werk über die schmutzigen Zustände an der Costa del Sol mit "Sole, sole"-Dissonanzen aus, und dann teilt ein seriöser Ansager mit, der Film sei vom Frühling vergangenen Jahres, und inzwischen hätten sich die Zustände gebessert. Das heißt doch wohl, die Saure-Gurken-Zeit-Ausrede zu überfordern. Wenn man den Film schon zeigen wollte, hätte man zumindest die überholten Informationen im Film odervorweg auf den neuen Stand bringen müssen.

Mußte man den Film zeigen? Immerhin bestand er nicht nur aus Zustandsbeschreibungen an der Costa del Sol, sondern war zugleich ein Lehrstück über die Auswirkungen eines ungehemmten Kapitalismus, der nicht nur nicht staatlich gebändigt, sondern im Gegenteil vom Franco-Regime und von ahnungslosen deutschen Gesetzgebern geradezu angekurbelt wurde, bis er ins Uferlose wucherte, bis die Küste zerstört war.

Seit zwanzig Jahren, als die ersten Spekulanten kamen und Land kauften, um "Touristen anzupflanzen", wird dort gebaut. Ein langer Kameraschwenk zeigte ein kilometerlanges Manhattan. Der Urlauber findet hier alles, was er in seiner Großstadt hat, Betrieb, Baulärm, Verkehrsdichte – nicht aber Natur, Ruhe, Frieden; traurig stellt es der deutsche Konsul in Malaga fest. Toilettenpapier schwimmt schon am Ufer (vielleicht neuerdings nicht mehr?), braunes Wasser kommt aus den Hähnen, und ein Professor empfiehlt: "Pinkeln Sie lieber in Ihre Teekanne, sonst trinken Sie das Wasser vom Nachbarn."

Prinz Alfonso von oder zu Hohenlohe, einer der Großverdiener an der Costa, aber sagt stolz: "Noch nie in der Welt hat sich die Privatinitiative so gut entwickelt wie an der Costa del Sol." 164 Großinvestoren, bekannte Unternehmer aus der Bundesrepublik, spanische Exilminister haben sich zu einem Interessenverband zusammengeschlossen, der allein 100 000 Deutsche zu Costa-Eigentümern gemacht hat. Ein Rentner-Ehepaar erinnert sich mit herzergreifender Manger-Millowitsch-Gelassenheit daran, daß es seine Wohnung auf einen dieser Kauftips, auf denen die Wohnungen wie vom billigen Jakob angepriesen werden, "wie ein Paar Schuhe" gekauft hat.

Und die spanischen Eingeborenen? Während die Grundstückspreise sich vertausendfacht haben, hat sich der Verdienst eines Arbeiters verdreifacht, "aber die ganze Familie muß jetzt mitarbeiten". Ein Bauarbeiter: "Früher konnte ich mit erhobenem Kopf durch die Straßen gehen, früher war es besser." Dazu Augen, die früher lachen konnten. Das ist eine Interview-Antwort, die mehr sagt als perfekte Schnitte oder gekonnte Kommentare. (Die Interviewer blieben meist kühl, vielleicht manchmal eine Spur zu kaltschnäuzig-routiniert, im Hintergrund.)

So gesehen, als Beispiel für eine anhaltende Entwicklung – ein Hinweis auf die ähnlichen Probleme an den anderen Costas, Côtes und Küsten wäre gut gewesen – war der Film also doch noch sehenswert; nur sollte man überholte Informationen vorher eingestehen, damit der Zuschauer sich nicht gar so gefoppt vorkommt. (Oder war die Korrektur gar nicht beabsichtigt und ist erst auf eine aktuelle Intervention irgendwelcher spanischer Interessengruppen nachgeschoben worden?) Wolfram Runkel