Dortmund

Die erste Bataille währte Wochen und endete unentschieden; jetzt ist unklar, wer noch in die Schlacht eingreifen wird, um einer der Parteien zum Sieg zu verhelfen. Schlachtengegner sind ein Kundenbataillon Dortmunder Hausfrauen und die Metzger der Westfalen-Metropole. Streitpunkt ist die nach Meinung der Hausfrauen "unseriöse Preispolitik der Fleischer". Angeführt von den beiden Dortmunder Hausfrauen Anita. Schmidt (38) und Ingrid Kullik (32) riefen sie am 18. Juli nach Stuttgarter Vorbild zu fleischlicher Enthaltsamkeit auf. Tausend Dortmunder Bürger trugen sich in Boykottlisten ein, die Lokalpresse bot Eier- und Geflügelrezepte an, Ernährungsfachleute versicherten kalorienbewußten Hochöfnern, daß man auch ohne Fleisch nahrhaft kochen könne.

Die Bewegung griff auf andere Revierstädte über. In Bochum und Unna legten Hunderte von Bürgern den "Aufrüttlischwur" ab, in Wattenscheid unterschrieben die Balltreter von 09, in Essen reisten Solidaritätswillige 50 Kilometer an, um die Dortmunder Preisstreiter zu unterstützen. Aufgeschreckt durch soviel Käuferwut setzte sich die Metzgerinnung mit den Hausfrauen an einen Tisch. Ihre Schauerballade: zehn Prozent der Metzger hätten 1972 ihre Existenz verloren, Preisnachlässe seien zum gegenwärtigen Zeitpunkt unmöglich.

Die aufmüpfigen Hausfrauen konterten prompt mit Statistiken über Viehauftrieb und Schlachtmarktnotierungen und fragten, wie es trotz gesunkener Erzeugerpreise zu der Fleischteuerungswelle kommen könne. Das Finale war unfriedlich – ein Versöhnungsangebot der Metzger: vier Pfund Schweinebraten je Diskussionsteilnehmer – löste in Dortmund Bürgerzorn aus.

In der Folgezeit dezentralisierten die Fleischboykotteure ihren Streik, gründeten Stadtteilgruppen, in denen Wissenschaftler mitarbeiten, und konnten mit prominenter Hilfe rechnen. DGB-Chef Heinz Oskar Vetter, die Verbraucherzentrale Düsseldorf, NRW-Landwirtschaftsminister Deneken nannten den Streik eine "gute Sache", und die Vollversammlung der Hoesch-Vertrauensleute forderte zu weiteren Protestkundgebungen auf. Ingrid Kullik indes, Vorkämpferin der Bewegung, hielt einer ungewöhnlichen Versuchung stand. Als ein Anrufer, der sich als Metzger ausgab, anbot, die dreiköpfige Familie bei Boykottaufgabe ein Vierteljahr kostenlos mit Fleisch zu versorgen, erwiderte die 32jährige gelassen: "Der Streik geht weiter."

Hans Leyendecker,

Redakteur der Westfälischen Rundschau