Belgien gründet seine touristische Werbung ganz auf die historische Tradition des Landes. Man verkauft nicht Wasser, Strand, Berge und Wälder, sondern Kultur: 1972 war das "Jahr der belgischen Schlösser", 1973 wurde dann vom Brüsseler "Generalkommissariat für Tourismus" zum Jahr der 20 Beginenhöfe und der 49 Abteien ausgerufen. Der Besucher Belgiens wird zur Besichtigung nicht nur von Ruinen und verweltlichten ehemaligen Klosterbauten eingeladen, sondern zur Teilnahme an religiösen und kulturellen Veranstaltungen der noch bestehenden Klostergemeinschaften.

Von den 69 Orten mit Klöstern oder Beginenhöfen liegen fast zwei Drittel in Flandern, wo man offensichtlich auch heute noch frommer ist als im rebellischen, französischsprachigen Wallonien. So wird also der ausländische Touristenstrom vorwiegend zu den Flamen gelenkt, vor allem in die ohnehin von den Touristen stark frequentierten Gebiete um Brügge, Gent und Antwerpen. Die Wallonie dagegen bleibt – abgesehen von einigen Ardennengebieten – weiterhin in ihrem touristischen Dornröschenschlaf.

Auf den Autofahrer, der auf abseitigen Straßen durch reizvolle Landschaften die Reise in Belgiens Vergangenheit antritt, warten Überraschungen: beginnt er zum Beispiel in der südlichen Provinz Luxemburg mit dem Zisterzienserkloster Orval südlich von Florenville, so kann er neben den neunhundertjährigen Ruinen die 1948 eingeweihte heutige Abtei bewundern und sie sich von den Mönchen zeigen lassen. Fährt er weiter in Richtung Namur, wird er sich zwischen Rochefort und Ciney im jungen Kloster Chevetogne von der Aufgeschlossenheit der Benediktiner gegenüber der nichtkatholischen Welt überzeugen: hier befindet sich das Hauptzentrum der vom Papst Johannes XXIII. wiederbelebten Ökumene. Man pflegt die Kontakte zu den orthodoxen Kirchen Ost- und Südosteuropas. Gottesdienste werden auch in griechischer und kirchen-slavischer Sprache abgehalten. Touristen dürfen teilnehmen.

Eine rein flämische Spezialität sind die Beginenhöfe, die man in Europa nur noch in Holland und im Norden Belgiens findet. Beginen brauchten nicht – wie Nonnen – definitive Gelübde abzulegen, sie könnten jederzeit aus der Gemeinschaft austreten und heiraten. Nur wenige Höfe sind heute noch von Beginen bewohnt, die frommen Frauen sterben langsam aus, Nachwuchs gibt es kaum noch. Man wohnt in winzigen Häusern, betreut Kranke und Alte und geht einem "weiblichen" Handwerk nach. In Brügge sieht man die Beginen heute noch "klöppeln", das heißt Spitzenarbeiten machen.

Die Stimmung in den Beginenhöfen ist faszinierend, wie weltentrückt. Wer sich in die richtige Seelenlage bringen will, um das zu genießen, besorge sich vorher die Erzählung von Felix Timmermans "Die sehr schönen Stunden des Beginenfräuleins Symforosa", in der der Beginenhof von Lier (Lierre) beschrieben wird, eine der schönsten der erhaltenen Anlagen. Sie sollte man sich unbedingt ansehen.

Es lohnt sich sehr, an Hand der neuen Spezialkarte und des sehr gut gemachten Prospektes eine mehrtägige gemächliche Bummelfahrt zu den interessantesten Abteien und Beginenhöfen zu machen. Im Kloster Male bei Brügge kann man unter Umständen nach vorheriger Rücksprache auch übernachten. Man braucht keine Kilometer zu fressen, die Distanzen sind gering, es gibt überall ruhige Seitenstraßen, auf denen man dem Hauptverkehr ausweichen kann, und sie führen in reizvolle Gegenden, durch die der Tourist sonst immer nur eilig braust, wenn er an die Küste oder zu den berühmten Punkten in den Ardennen strebt.

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