Von Klaus Schulz

Es gab Hunderte von Veranstaltungen bei diesen X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Ostberlin. Das kulturelle Rahmenprogramm war bombastisch und unüberschaubar vielseitig.

Man konnte sich entscheiden für das Konzert des Dresdener Kreuzchores oder für die polnische Jazzgruppe Krzysztof Sadowski, für die Galaabende vieler Festivaldelegationen mit ihren nationalen Musik-, Tanz- und Folklore-Programmen, für das Festival politischer Lieder, die "Intergrafik 73", die weiteren internationalen Ausstellungen, mögen sie die Photographie, Kinderzeichnungen oder den Wettbewerb junger Künstler zum Gegenstand gehabt haben. Es gab einige sehr beachtenswerte Filme auf der "Tribüne des jungen Films", verblüffend vertrauten Seelenbalsam bei der "Schlagerparade sozialistischer Länder", Wettbewerbe in Volksmusik, Pantomime, Volkstanz; es gab den großen Festivalkarneval (einen Tag nach Ulbrichts Tod), den Ball der Weltjugend und den Leipziger Thomanerchor, Puppenspieler und das Festivalquiz, Symphonieorchester, Kammerorchester, Streichquartett, Theater, Ballett, Arbeitervariete, den Internationalen Club der jungen Künstler... Volle drei Monate hätte derjenige gebraucht, der den Ehrgeiz gehabt hätte, sämtliche kulturellen Veranstaltungen zu besuchen. Und für die Tanzvergnügungen hätte er weitere vierzig Tage und Nächte dranhängen müssen.

Organisationstalent und Ordnungsliebe, jene beiden Tugenden, die in dem schmal gewordenen Katalog gesamtdeutscher Gemeinsamkeiten immer noch eine beachtliche Position einnehmen, feierten bei einem Theaterabend im Haus des Berliner Ensembles keine Triumphe. Allen bissig-beflissenen Lobeshymnen westlicher Journalisten auf die "roten Preußen" zum Trotz, unter deren perfekter Regie angeblich alles wie am Schnürchen lief bei diesem Festival: Hier lief es nicht, hier herrschte, seltsam sympathisch anheimelnd, systemfremdes Chaos.

Drinnen Süverkrüp und "Streik bei Mannesmann", draußen ein Massenandrang zurückgewiesener Schaulustiger. Da half keine Eintrittskarte und keine gedruckte Einladung, selbst "Presse" murmeln und den Ausweis schwenken verfing nicht. Ein volles Haus ist ein volles Haus, auch im Sozialismus.

Also schnell hinüber zum Domizil des Kabaretts "Die Distel", zwei Minuten vom Theater am Schiffbauerdamm entfernt. Angetreten war das Arbeiterkabarett des VEB Kombinat Schwarze Pumpe, um – durchaus nicht ohne gelegentlichen Sarkasmus – dem DDR-Alltag wie auch dem Festivalrummel einige heitere Seiten abzugewinnen. Devise: "Energie müßte man haben". Es war wie meistens bei Laiengruppen: viel Emsigkeit und Eifer, manches Ungelenke, Holprige, Überzogene, gelungene Derbheiten und abgebrauchte Zoten, ewige Anfänger und wirkliche Könner. Interessant für den Westbesucher: Die Bundesrepublik, lange Zeit der permanent Gelackmeierte bei den DDR-Spaßmachern, kam, von ganz dezenten Andeutungen abgesehen, überhaupt nicht mehr vor. Man bezog den Stoff aus dem eigenen Land, und da bot sich genug Gelegenheit, Gift zu verspritzen, wenn auch nur in winzigen Tröpfchen.

Zielscheibe waren Auswüchse der Bürokratie, Pannen oder Schlampereien in der Produktion, eine neue Hierarchienbildung innerhalb der Klasse der Werktätigen, die Borniertheit von Super-Robotniks, die sich im Betrieb immer höher qualifizieren und dabei als Menschen verkümmern. Es wurde eine Lanze gebrochen für die Steigerung der Konsumbedürfnisse, und man machte kein Hehl daraus, daß die Pflichtspenden für Vietnam auch auf Unbehagen stoßen. Die hin und wieder eingeflochtenen Bekenntnisse zu Partei und Staat, zu Klassenkampf und antiimperialistischer Solidarität waren sicher keine reinen Pflichtübungen, aber sie kamen ohne Feuer, vielmehr mit jenem hehren Tremolo in der Stimme, das zwar ohne weiteres auf redliches Bemühen, schwerlich jedoch auf den rechten Glauben hinzudeuten imstande ist.