Salzburger Festspiele 1973: so schön und so problemlos wie ehedem

Von Manfred Sack

Es ist alles beim alten, und was neu ist, zeigt hier schon im Augenblick der Geburt Spuren von Staub und Patina, je nachdem. Das ist mit der Stadt so, die einen gefangennimmt wie eh und je und die einem ebenso stetig ihre Hilflosigkeit demonstriert, mit den Großstadtproblemen, die sie sich als Kleinstadt auflädt, ins reine zu kommen. Kaum hatte sie ihr Zentrum zur Domäne für Fußgänger gemacht, verfiel sie auf komische Ideen: Erstens engagierte sie ein paar Dutzend weibliche Polizisten, steckte sie in scheußliche Kostüme, die den Anschein erwecken, als handele es sich um Eisverkäuferinnen von der Post, und ließ sie Jagd machen auf Parksünder; zweitens bekam die Stadt Angst vor den von Autos entleerten und nun leer scheinenden Plätzen und ließ ihren Gartenbaudirektor etwas dagegen erfinden. Und zwar stellte er riesige Blumentöpfe in die Gegend, nicht ahnend, daß er die wunderschönen Plätze auf sehr alberne Art verschandelte.

Aber das ist mit der teuren Insel, die Salzburg sich jedes Jahr aufs neue für seine Sommerfestspiele herrichtet, nicht anders. Alles, was den Geruch von Unberechenbarkeit, von Abenteuer vermuten läßt, wird ferngehalten. "Wozzeck" unterläuft diesem Unternehmen so bald nicht wieder und so ein starrköpfiger Regisseur wie Claus Peymann auch nicht, der voriges Jahr Thomas Bernhards Stück "Der Ignorant und der Wahnsinnige" am Verbot der Feuerwehr, für einen Augenblick auch das Notlicht zu löschen, scheitern ließ. Nach einer zeitgenössischen Oper für die nächsten Jahre gefragt, hatte der Festspielpräsident Josef Kaut gleich die Bedingung mitgeliefert: "wenn es gelingt, eine zu gewinnen, die sich in den Rahmen der Festspiele so einfügt wie etwa Henzes ‚Bassariden‘ ".

Ein hölzerner Leichnam

Schon wundert es niemanden, daß diesmal das jüngste Schauspiel dreihundert Jahre alt ist. Schon schockiert keinen die Operation am "Jedermann", der, nachdem ihn Leopold Lindtberg voriges Jahr von der Regiemutter Max Reinhardt geschickt und ohne Blutverlust abgenabelt hatte, nun schleunigst wieder angenabelt wurde. Und deshalb muß man davon sprechen. Es ist ein Salzburger Symptom, selbst wenn der diesjährige Regisseur, Ernst Haeusserman, einen Beweggrund dafür nennen kann, nämlich Reinhardts hundertsten Geburtstag, dessentwegen er sich ganz eng an das alte Regiekonzept von 1920 gehalten habe.

So gelang es ihm bloßzulegen, daß "Jedermann", das von Hugo von Hofmannsthal damals für Salzburg erneuerte Mysterienspiel "vom Sterben des reichen Mannes", gar nicht so unsterblich ist, wie es die alljährliche Aufmöbelung vermuten lassen könnte. "Jedermann" ist ein Leichnam, hölzern, nun auch mit Spuren von Kitsch versehen wie von einem Herrgottschnitzer. Es scheint, als gebe es nur noch zwei Möglichkeiten, ihn weiterhin zu präsentieren: das Stück entweder von Laien darstellen und aufsagen zu lassen, oder es wirklich wie ein Schauspiel spielen zu lassen, nicht aber ein Mittelding zu probieren, nämlich Schauspieler deklamieren und den Verdacht entstehen zu lassen, als müßten sie sich an der mittelaltertümelnden Sprache Splitter einreißen. Was hilft’s, wenn am abendmahlslangen Tisch lauter großartige Schauspieler sitzen; sie sprechen Verse, nicht Sätze, und gestikulieren, als hätten sie allesamt die Schablonen der Schauspielschule noch nicht abstreifen dürfen.