Geschäftsschluß, wimmelnde Menschenmassen, überfüllte Straßen und U-Bahnen. Dazwischen die Verkäuferin Janice, etwas ängstlich und unsicher, verstört; jemand, der dieses emsige, zielstrebige Regelspiel plötzlich stört, der einhält, zögert, nicht wie erwartet funktioniert. Janice "flippt aus"; die Polizei bringt sie spät abends nach Hause.

Schlechtes Benehmen, Trotz, Ungezogenheit, sagt ihre Mutter dazu. Ein Monster von erstickender Üblichkeit und selbstgerechter Normalität, absolut konform mit dem Kredo kleinbürgerlicher Riten, Zwänge, Normen und Tabus: Sie pocht auf ihre Erfahrung, ihr Vorbild, weiß immer, was "man" zu tun hat und was sich gehört, verlangt Respekt und Gehorsam; sie will eine anständige, ordentliche, zuverlässige und unbedingt normale Tochter. Erziehung als Dressur. Ein labiler Mensch braucht Hilfe, Verständnis und wird zur willenlosen Unterordnung und Anpassung abgerichtet. Und weil sich Janice dagegen aufbäumt, wird eine höhere Instanz eingeschaltet: die psychiatrische Klinik, im Volksmund und in der "Welt" schlicht Irrenhaus.

Jeder zehnte Bundesbürger, sagt die Statistik, kann heute vorübergehend Psychosen, Neurosen, schizophrenen Symptomen erliegen, und Tausende machen die Odyssee durch, die Kenneth Loach in seinem Film "Familienleben" beschreibt. Janice wird so lange zwischen Elternhaus und orthodoxer Psychiatrie hin- und hergeschoben, bis sie gebrochen und mit klinischer Akkuratesse stumm gemacht ist, bis sie nichts mehr wollen kann und in die rettende Leere absackt.

Dieser Film ist nirgends besser aufgehoben als vor dem Millionenpublikum des Fernsehens, weil er, ohne in Polemik oder blinde Agitation zu verfallen (obgleich er sich im Porträt der bösen Eltern Übertreibungen leistet), mit einem seltsam wahrhaftigen und unmittelbar anrührenden Einzelfall in eine wichtige aktuelle Diskussion trifft. Er zeigt den Psychoterror der "klaustrophoben Kleinfamilie" (Loach) und die kalt lächelnde Grausamkeit der traditionellen Psychiatrie, zeigt, wie beide Hand in Hand arbeiten an der inhumanen Reparatur lädierter Mitglieder der Gesellschaft.

Kino und Fernsehen haben sich seit etwa einem Jahr verstärkt dieser Thematik angenommen: Krankheitsbilder, psychisch verunsicherte oder gestörte Menschen, Schizophrene, Methoden der Psychoanalyse und -therapie, Ursachen und Verlauf von Geisteskrankheiten oder die Konfrontation der alten mit der modernen Psychiatrie als Vorwurf zu Spielfilmen und Dokumentationen. Das Berliner Arsenal brachte die "Geheimnisse einer Seele" (1926) von G. W. Pabst wieder, das ZDF strahlte im Juli Anatole Litvaks berühmten Film "Die Schlangengrube" (1948) aus.

An der Berliner Filmakademie wurden im letzten Jahr "Bruno der Schwarze" (der auch im Ersten Programm lief) von Lutz Eisholz und "Alle kleinen Röschen ... zuviel allein" von Johann-Christoph Busse gedreht, beim Norddeutschen Rundfunk Andreas Kettelhacks "Der Weg des Hans Monn". Auf Filmfestivals und in unabhängigen Kinos liefen "Warrendale" und "Group Therapy" (1967) von dem Kanadier Allan King, "Bleak Moments" von dem Engländer Mike Leigh, "Asylum" (1972) von dem Amerikaner Peter Robinson. Gabriele Wohmanns Fernsehspiel "Entziehung" war eher eine noble, literarische Variante dieser Filmwelle. Alfred Hitchcocks Psychothriller, "Rebecca", "Ich kämpfe um dich", "Der Fremde im Zug", "Psycho", "Marnie" und andere, waren immer wieder einmal zu sehen.

Loachs "Family Life", wie mancher andere dieser Filme, nimmt Partei für die dynamische analytische Psychiatrie im Sinne von Ronald D. Laing. Sie geht den Ursachen der Verhaltensstörungen und Geisteskrankheiten nach und definiert die Psychose als eine Reaktion auf Bezugspersonen und Umwelt. Abgelehnt wird dagegen die alte behavioristische Methode, die noch immer in den meisten Kliniken die Oberhand hat und deren Therapien sich in Elektroschocks und Drogen, Schlafspritzen, Drahtkäfigen und einem lähmenden, einengenden, totalitären Anstalts-Trott erschöpfen. Das sei rentabler und schneller und mache nicht so viel Aufhebens, sagt der Arzt, dem Janice in die Hände fällt und der sie so lange diesen brutalen Zeremonien unterzieht, bis ihre Konflikte zugekleistert, ihre Krankheitssymptome unterdrückt und mechanisch verdrängt sind.