Der Bräutigam war 85 und kam aus der Chikagoer Geldaristokratie. Die Braut 37, und entstammte dem deutschen Hochadel. Avery Brundage heiratete Prinzessin Mariann Charlott-Stefanie Reuß. "900 Jahre hat man von den Reußens nichts gehört und jetzt kommen sie aus allen Ecken und Enden", soll der Olympier gesagt haben. Das Hochzeitsessen hielt die Mitte zwischen erlesenen Leckerbissen und deftiger bayrischer Hausmannskost.

Von jeher schon hatte der jetzige Ehrenpräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) eine Schwäche für urbayrische Folklore, Mit Karl von Halt, dem damaligen deutschen Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees, war er schon in den fünfziger Jahren auf dem Münchner Oktoberfest zu sehen, ein Brathendl auf dem Teller, und vor sich ein Maß süffigen Bieres.

Daß Avery Brundage ein "gestandener Mann" ist, hat er zuletzt bei der Münchner Olympiade bewiesen. Als alles niedergeschlagen und verzweifelt war nach dem Attentat der Terroristen, und der Abbruch der Spiele unvermeidlich schien, zeigte der 84jährige Amerikaner sportgeschichtliche Größe. Er machte den Mitgliedern des IOK, das immer noch vorwiegend ein Herrenklub ist, klar, daß der Abbruch der Olympischen Spiele ihre Beerdigung wäre. Brundage stemmte sich erfolgreich gegen dieses "Aus" und bei der Trauerfeier im Stadion donnerte er sein "Die Spiele müssen weitergehen" in die Runde der 80 000, die diesen Satz mit lautem Beifall quittierten. Der Multimillionär aus Chikago wird einmal, das läßt sich leicht voraussagen, als Retter der Olympischen Spiele in die Sportgeschichte eingehen.

Aber kein IOK-Präsident vor ihm wurde während seiner Amtszeit von der Sportpresse so heftig kritisiert, ja geschmäht, wie dieser Mann. Jetzt im hohen Alter schlägt ihm überall herzliche Sympathie entgegen. Schuld an diesem damaligen Tadel war seine hehre Vorstellung vom reinen Amateur, die in jenen Sportarten, wo das Leistungsniveau ein täglich mehrstündiges Training erfordert, einfach nicht mehr zu verwirklichen ist. So wurde er zum verspotteten. Gralshüter der scheinbar vom Wandel der Welt überholten olympischen Idee. Als er schließlich Österreichs Idol, den alpinen Skiläufer Karl Schranz, in Sapporo disqualifizieren ließ, wurde die Abneigung, zumal in den Alpenländern, zu blankem Haß. Tatsächlich hatte aber ein Profi wie Schranz, der eine viertel Million Mark im Jahr durch seinen Sport verdiente, ebensowenig wie viele andere etwas bei den olympischen Winterspielen zu suchen.

Man kennt den Mann, der von 1952 bis 1972 auf dem Präsidentenstuhl des IOK saß, man kennt jetzt auch den jovialen Liebhaber bayrischtiroler Spezialitäten, man kennt aber kaum den einstigen Athleten, der im Zehnkampf 1916 wegen des Weltkrieges nicht zu olympischen Ehren kam, und man kennt so gut wie gar nicht den Kunstliebhaber Brundage, der im Laufe seines Lebens eine der wunderbarsten Privatsammlungen zusammentrug.

In San Francisco in einem Flügel des Young Memorial Museums im Golden Gate Park ist sie nun als seine Stiftung zu besichtigen. Über 6000 erlesene Stücke islamischer, indischer und ostasiatischer Kunst werden dort präsentiert. Die Ausstellung ist atemberaubend. Bestechend die hohe Qualität der Exponate, die eine echte Kennerschaft des Sammlers voraussetzt. Das Schwergewicht liegt auf den Objekten des frühen China. Kein deutsches Museum besitzt auch nur annähernd soviel Sakralbronzen wie die Brundagesammlung. Reich vertreten ist besonders die Han-Zeit, die von 206 vor bis 221 nach Christus währte. Im Yaderaum, der verdunkelt ist, schimmern die von verborgenen Lichtquellen angestrahlten Wunderwerke aus dem grünen Halbedelstein in märchenhaftem Glanz.

In Brundages erstem Brief an Dr. von Halt, nach dessen Entlassung aus russischer Haft, war die Bitte ausgesprochen worden, die Propyläen-Kunstgeschichte aufzutreiben und ihm zuzuschicken. In der Neuauflage dieser Reihe ist jetzt in dem Band 17 China – Korea – Japan die Brundage-Collection in San Francisco immer wieder mit ganzseitigen Abbildungen vertreten, Und im Vorraum des Museums steht eine Bronzebüste des "edlen Spenders und Menschenfreundes".

Will man den Menschen Avery Brundage würdigen, der auf den Photos so griesgrämig erscheint, so wird man seine liebenswürdigste Seite als echter Kunstkenner und bedeutender Sammler nicht vergessen dürfen. Adolf Metzner