Eine deutsche Insel im Häusermeer von Paris meldete "Land unter". Seit dem 30. Juli hängt an der großen Glastür des Maison de l’Allemagne, des Deutschen Hauses, in der Cité Universitaire ein Schild mit der Aufschrift: "Während der Ferien vorübergehend geschlossen." Begründung: dringende Reparaturarbeiten.

Doch die annähernd 120 studentischen Hausbewohner wußten, daß die Handwerker im Deutschen Haus allenfalls ein willkommenes Alibi waren. Denn der Schließung waren heftige Auseinandersetzungen um die Mitbestimmung der Studenten vorausgegangen – ein Zwist, dessen Ursache sich letztlich bis auf die Mai-Ereignisse des Jahres 1968 zurückverfolgen läßt.

Als das Fieber des heißen Frühlings 1968 auch die annähernd 6000 Bewohner der internationalen Studentenstadt von Paris packte, da blieb das Deutsche Haus eher eine Insel der Ruhe im revolutionären Getümmel. Erst hinterher besannen sich seine Residenten auf eines der Schlagworte der Maitage: cogestion, Mitbestimmung also. In langen Diskussionen wurde ein Statut erarbeitet, das den Hausbewohnern Mitspracherechte an der Hausverwaltung einräumte.

Heute wird von den aufsässigen Hausbewohnern völlig richtig argumentiert, die Statuten seien bereits seit drei Jahren praktiziert worden. Die Sache hat aber einen Haken: Offiziell gebilligt wurden die Statuten nie.

Kämpferische Formen nahm die Auseinandersetzung im vergangenen Mai an, als eine Mieterhöhung von 165 auf 185 Francs angekündigt wurde – ohne Konsultierung der Residenten, die daraufhin mit einem Mietstreik antworteten. Und als die Einstellung eines neuen Direktors für das Deutsche Haus anstand, wollten die Hausbewohner ebenfalls ein Wörtchen mitreden. Der Verwaltungsrat gab sich konzessionsbereit: In die sechsköpfige Auswahlkommission wurden zwei Studentenvertreter aufgenommen.

Der Wunsch nach Mitbestimmung war damit nicht befriedigt. Die sechs Direktionskandidaten sollten sich, so die neue Forderung, alle einer Hausversammlung stellen. Doch von den Bewerbern verspürte dazu keiner Lust. Um den Konflikt in den Griff zu bekommen, besann man sich auf die nahen Semesterferien. Der Verwaltungsrat ordnete die vorläufige Schließung des Hauses an.

"Wir bleiben so lange hier, bis die Polizei uns herausholt", hatten die letzten Einzelkämpfer vor Presse, Funk und Fernsehen verkündet. Aber als am 30. Juli das deutsche Fernsehen den Polizeieinsatz filmen wollte, hatten es mittlerweile alle Studenten vorgezogen, friedlich von dannen zu ziehen.

"Das Ganze wird ausgehen wie das Hornberger Schießen", heißt es in der Pariser Zweigstelle des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Denn in den kommenden Wochen wollen sich die Verwalturigsräte den Kopf über ein neues Statut zerbrechen – natürlich ohne Mitwirkung der Hausbewohner. smi