Von Catherine Krahmer

Im Jahre 1967 überraschte André Malraux, damals Minister de Gaulles, die Öffentlichkeit mit "Antimemoiren", die in Deutschland einen kongenialen Übersetzer in einem anderen wortgewaltigen Minister, nämlich Carlo Schmid, fanden. Weshalb "Antimemoiren"? Weil sich, so Malraux, der Mensch nicht "chronologisch aufbauen" läßt. Er ist aus dem Stoff seiner Erfahrungen und Träume gemacht; sie allein weisen ihm einen Platz in der Welt. Indem Malraux vom Kern seiner Erlebnisse ausgeht, zeichnet sich zum einen die Figur dieses außergewöhnlichen Mannes ab, während sich zum anderen zeitgenössische Geschichte aus Fragmenten addiert. Denn der Erdenwandel Malraux’ ist ein Leben im Mittelpunkt unseres Jahrhunderts. Selten hat ein Mensch mit solcher Distanz und Leidenschaft zugleich über sich selber geschrieben.

Im Sommer 1973 ist es nicht weniger überraschend, daß Aimé Maeght in seiner privaten "Fondation" – moderne, freundliche Architektur inmitten eines alten Pinienwaldes unfern der Künstlerstadt Saint-Paul bei Vence – Malraux eine Ausstellung widmet. Eine autobiographische Schau für den Mann, der sich weigerte, einfache Memoiren zu schreiben? Nein, es ist eine Zusammenstellung von mehr als sechshundert Dokumenten und beinahe zweihundert Kunstwerken, die mit dem Leben und den Ideen von Malraux in Zusammenhang stehen. Illustrierte "Antimemoiren" – so könnte man sagen – eines Mannes, den die bildende Kunst mehr packt als die Literatur, obwohl er doch einige der großen Romane des Jahrhunderts geschrieben hat.

Gleich das erste Abenteuer des dreiundzwanzigjährigen Ästheten André Malraux hängt mit bildender Kunst zusammen. Es ist sozusagen eine archäologische Räuberaktion, die Malraux 1924 ersann: Er bereitete eine "Mission" nach Indochina vor, wobei er im Sinne hatte, die schönsten Reliefs eines von den Franzosen entdeckten Tempels, der zur Gruppe von Angkor gehört, abzumontieren und nach Frankreich zu bringen. Er wurde jedoch erwischt. Es folgten Prozeß, Gefängnisurteil und schließlich doch Freispruch, nachdem bedeutende französische Schriftsteller sich für ihn eingesetzt hatten.

Dies ist mehr als eine bezeichnende Anekdote für den eroberungslustigen, unruhigen Abenteurer, der Malraux damals war. Denn hinter diesem archäologischen Krimi steckt paradoxerweise schon die Intuition einiger seiner späteren Ansichten über Kunst. 1935, bei dem internationalen Kongreß für Schriftsteller in Paris, drückt er diese Ansichten prägnant aus: Jedes Werk stirbt, sobald sich unsere Liebe zurückzieht (die Ruinen des Tempels bei Angkor waren verlassen, also gestorben). Ohne uns können Kunstwerke nicht leben, ohne unsere Begierde, unsere Sehnsucht, unser Interesse.

In der "Fondation" zeigt eine der Vitrinen ein Exemplar von Oswald Spenglers "Untergang des Abendlandes" mit aufschlußreichem Kommentar Malraux’: "Er (Spengler) hat für mich die unermeßliche Bedeutung gehabt, mein Feind Nummer eins zu sein, derjenige, gegen den ich das Gebäude meiner Gedanken errichtet habe ... Für mich heißt das Lebensthema: Verwandlung; für Spengler gibt es sie nicht."

Der pessimistische deutsche Kulturphilosoph sieht Kulturen entstehen, aufblühen und sterben. Zwar leugnet Malraux auch nicht, daß beispielsweise die ägyptischen Statuen zu den Ägyptern in einer Sprache redeten, die mit der altägyptischen Kultur verschwunden ist und nie mehr gesprochen wird. Und dennoch sprechen die ägyptischen Statuen zu uns, die wir gezwungen sind, sie als ein Stück Vergangenheit anzuhören. Malraux’ "Gespräch" mit den Künsten der verschiedensten Kulturen beruht auf dieser Einsicht ihrer möglichen Verwandlung. Dies ist der tiefe Inhalt seiner Bücher über Kunst. Die Werke, die zu ihm sprechen, bilden sein eigenes "Imaginäres Museum" (so auch der Titel seines vielleicht meistzitierten Buches).