Von Marlies Menge

Das Gastarbeitersproblem beschäftigt nicht nur die Bundesrepublik, sondern auch andere Länder. Wie sie es zu lösen versuchen, zeigt diese Artikelreihe. Die ersten Folgen schilderten die Lage in Schweden, in der Schweiz und in Frankreich. Hier nun geht es um die Situation in der DDR.

Sie heißen Marika, Ilona und Marietta und kommen aus Györ, Szombathely und Budapest. Sie sind drei von den 140 Ungarinnen und 60 Ungarn, die seit etwa einem Jahr in dem DDR-Städtchen Neuhaus im volkseigenen Röhrenwerk Transistoren fertigen. Gastarbeiter im Wirtschaftswunderland DDR. Doch "Gastarbeiter" darf niemand sie nennen, sie heißen "ausländische Freunde", zumindest in den DDR-Zeitungen.

"Was ist der grundlegende Unterschied zwischen dem in den kapitalistischen Ländern bestehenden Gastarbeitersystem und der von den sozialistischen Ländern organisierten Arbeitskräftekooperation?" fragte Jozsef Rózsa, Hauptabteilungsleiter im Ministerium für Arbeitswesen der Ungarischen Volksrepublik, im letzten Jahr in der DDR-Zeitschrift Wirtschaft und hatte auch gleich die Antwort parat: "Er besteht darin, daß im Kapitalismus die wirtschaftliche Unterentwicklung verschiedener Länder die Arbeitskräfteemigration erzwingt. In den sozialistischen Ländern gibt es keinen solchen Zwang. Diese Länder – so auch Ungarn – können die Vollbeschäftigung der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter gewährleisten. Sie suchen diese Zusammenarbeit deshalb, weil dadurch die betreffenden Arbeiter die Möglichkeit erhalten, ihre beruflichen Kenntnisse zu erweitern und zusätzliche Erfahrungen im Umgang mit der modernen Technik zu sammeln. Der Einsatz in einem anderen Land erleichtert darüber hinaus das Erlernen einer Sprache, das Kennenlernen des Lebens in dem sozialistischen Partnerland.

Die genaue Zahl der ausländischen Arbeiter in der DDR ist nicht bekannt. Ungarn und die DDR schlossen 1967 ein Abkommen, in dem die ungarische Regierung sich bereit erklärte, 13 000 Arbeiter in die DDR zu schicken – das erste größere Kontingent ausländischer Helfer, Erich Honecker sagte in einem Interview mit der New York Times Ende letzten Jahres, daß 13 000 Ungarn und 12 000 Polen in der DDR arbeiten. Kenner glauben, daß es weit mehr sind. Dazu kommen noch kleinere Gruppen aus der Tschechoslowakei, aus Bulgarien, Rumänien. Sie sollen nicht nur ihren Beruf, die deutsche Sprache und Land und Leute besser kennenlernen, vor allem sollen sie der DDR ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Denn die Bevölkerung der DDR ist überaltert. Zudem wächst sie nicht in dem Maße, wie eine aufstrebende Industrienation sich das wünscht. Außerdem hat es auch Nachteile, daß die eigenen Arbeiter sich so tüchtig und andauernd qualifizieren, da bleiben nur wenige für die unqualifizierteren Arbeiten. Nicht von ungefähr ist ein Großteil der arbeitenden Gäste zum Beispiel im Dienstleistungsgewerbe tätig, als Köche und Kellner, als Zimmermädchen und Verkäuferinnen. Die meisten jedoch arbeiten in Betrieben und lassen sich dabei weiterbilden.

Doch auch sie kommen nicht nur der beruflichen Weiterbildung und der schönen deutschen Sprache wegen ins sozialistische Bruderland. Als das DDR-Fernsehen, neulich junge Ungarn nach ihren Beweggründen fragte, für bestimmte Zeit in der DDR zu arbeiten, nannten zwar viele den Wunsch, Deutsch zu lernen, wichtiger aber schien ihnen das deutsche Geld, das sie verdienen können; und sie verdienen besser als zu Hause. Etwa 75 Prozent von ihnen haben einen monatlichen Bruttodurchschnittsverdienst von 500 Mark, 23,7 Prozent der Ungarn verdienen mehr als 700 Mark im Monat. "Mit den ersten deutschen Sprachkenntnissen und dem zweiten Lohn habe ich mir ein Motorrad gekauft", erzählte stolz ein junger Ungar.

Die in der DDR arbeitenden Ausländer sind meist zwischen 18 und 25 Jahre alt, ihre Arbeitsverträge laufen über zwei bis drei Jahre. Sie sind ihren Kollegen aus der DDR gleichgestellt, was Lohn und gesellschaftliche Zuwendungen betrifft. Wie sie können sie an der beruflichen Weiterbildung teilnehmen, können einen Beruf in der DDR erlernen, Facharbeiter können ihre fachlichen Kenntnisse erweitern. Sie können in sozialistischen Brigaden (Arbeits-Wettbewerbsgruppen) arbeiten, den Titel eines Jungaktivisten erringen.