Von Wilhelm Hankel

Jede Gesellschaft hat – so scheint es – ihre Ungeheuer. Das glückliche Arkadien hatte seinen Nemeischen Löwen, der die Schafe schlug, und seine Lernäische Schlange, die mit ihrem tödlichen Biß Rinder und Hirten verfolgte. Die damalige Gesellschaft mußte einige Generationen lang warten, bis Herkules auf der Bildfläche erschien, und sie von diesen Übeln befreite.

Auch die moderne Welt der Industriestaaten hat ihre – sozialen – Ungeheuer. Der Nemeische Löwe der dreißiger Jahre war die Arbeitslosigkeit; sie drohte die politischen Strukturen der Demokratien zu zersetzen, bis der ökonomische Herkules jener Zeit, John Maynard Keynes, die richtigen Rezepturen entwarf. Seitdem sind Sicherung von Vollbeschäftigung und Wachstum keine allzu ernsten Probleme mehr; inzwischen wachsen unsere Industriestaaten mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der es unsere Kinder tun – vorausgesetzt, man stört dieses Wachstum nicht gerade vorsätzlich!

Seit Mitte der sechziger Jahre erhebt – ebenfalls in allen Staaten der westlichen Gemeinschaft – die Lernäische Schlange der Inflation immer drohender ihr Haupt. Zwar hat es auch hier nicht – wie in Arkadien – an vorläufigen Herkulessen gefehlt, die gemeint hatten, mit den vielen Köpfen des Ungeheuers fertig zu werden. Aber bisher wuchs jedem abgeschlagenen Kopf ein neuer, noch furchterregenderer nach, und alle Preisbeschwörer mußten erfolglos abtreten.

Dies ist um so merkwürdiger, als das Phänomen weltweiter Teuerungsprozesse überhaupt nicht neu ist. Es quälte schon zur Zeit des Perikles die Bürger von Athen, aber auch die Römer unter Nero und seinen Nachfolgern bis hin zu Septimius Severus. Das späte Mittelalter hatte seine Inflationsprobleme ebenso wie das merkantilistische Europa nach Entdeckung der Neuen Welt. Mit anderen Worten: Das Inflationsproblem ist weit älter als die meisten unserer derzeitigen Inflationssünder, die wir – je nach Standort und Interessenlage – abwechselnd auf die Anklagebank schicken: die modernen Kreditbanken (die zu viel Kreditexpansion betreiben), die Gewerkschaften (die zu hohe Lohnforderungen stellen), die öffentlichen Haushalte (die sich in zuviel "demokratischem" Ausgabenluxus ergehen) und die EWG (die uns über ihren Agrarprotektionismus einen permanenten Anstieg der Lebenshaltungskosten beschert).

Die eigentlichen Ursachen aller bisherigen Inflationen waren stets die gleichen. Aus den verschiedensten Gründen ging die Kontrolle an der Geldmaschine verloren, begannen bisher funktionierende Geldbremsen nicht mehr zu greifen. Zum Teil handelte es sich dabei um exogene Ursachen, wie die Goldflut aus der Neuen Welt oder – wie heute – die permanenten Liquiditätszuflüsse aus dem Ausland. Teils waren es aber auch endogene Ursachen, wie die Münzverringerungen und Münzverschlechterungen bei Nero oder die zu starke Rotation der Notenpresse in unseren Tagen. Das Ergebnis war in allen Fällen das gleiche. Die Geldmenge stieg, und danach begann sich auch sehr bald die Preisspirale zu drehen.

Dasselbe gilt im Kern auch heute noch, oder besser: erst recht. Seit – von der Mitte der sechziger Jahre an – in der Bundesrepublik Geld und Kredit rascher als bisher zu wachsen beginnen, steigen bei uns auch die Preise rascher als bisher. Karl Brunner, einer der bekanntesten Forscher auf diesem Gebiet, erklärt daher zu recht:"Am Inflationsproblem und seinen Erklärungsversuchen ist überhaupt nichts Neues." Noch zu jeder Zeit sind Inflationen Folgeerscheinungen von Eruptionen im Geldsektor gewesen.