Von Lilo Weinsheimer

Bremen

Der Weg vom Bremer Rathaus zum Haus der Bürgerschaft – Luftlinie knappe fünfzig Meter – war offensichtlich zu weit. Sonst hätte der Senat vom Parlamentspräsidenten beizeiten einiges erfahren können. So aber reiste Staatsrat Franzen nach Hamburg zu Altbürgermeister Herbert Weichmann. Franzens Bitte: Weidmann möge am 5. November, dem zweihundertsten Geburtstag von Johann Smidt (1773 bis 1857) die Laudatio auf den legendären Bremer Bürgermeister und Gründer Bremerhavens halten. Professor Weichmann sagte zu. Inzwischen aber nahm er seine Zusage zurück. Er ließ wissen, es könne dem Antisemiten Smidt kaum lieb sein, im Jahre 1973 von einem Juden gelobt zu werden. In der peinlichen Sache Smidt hält man seither im Bremer Rathaus die Luft an.

In der Zeit zwischen Zu- und Absage hat Weichmann gelesen, was im Bremer Rathaus bekannt sein müßte, wenn Legislative und Exekutive miteinander kommuniziert hätten: eine Dissertation. Der Direktor der Bürgerschaft, Werner Biebusch, trug seit Jahren Material über sein Thema "Revolution und Staatsstreich. Verfassungskämpfe in Bremen von 1848 bis 1854" zusammen. Die Arbeit wird in diesen Tagen gedruckt vorliegen. Sie räumt auf mit dem in Bremen beheimateten Smidt-Mythos, mit der kritiklosen Heroisierung eines Mannes, nach dem Brücken, Kirchen und Straßen genannt sind und um den herum manche seiner Bewunderer bis heute wahre Kulthandlungen zelebrieren.

Den ersten Warnpfeil schoß zu Beginn des Smidt-Gedächtnisjahres der Parlamentspräsident Dieter Klink ab. In seiner Neujahrsansprache vor Politikern, Diplomaten und Kaufleuten bemerkte er, aus parlamentarischer Sicht verdiene Smidt nicht das Attribut eines großen bremischen Bürgermeisters. Kerzengerade verließ ein Smidt-Fan sogleich die Halle des Hohen Hauses. Klink, von Biebuschs Recherchen beeindruckt, war zum Ergebnis gekommen, nicht nur deutlicher Antisemitismus verdüstere das Bild des Idols, auch das schandbare Acht-Klassen-Wahlrecht sei dem Schuldkonto des Johann Smidt zuzubuchen; seine Haltung im Verfassungsstreit von 1851 bis 1854 weise ihn zudem als Gegner der damaligen demokratischen Bewegung aus. Klink: "Für Smidt waren Abgeordnete ‚Gesindel‘." An der Tatsache, daß Smidt Bremerhaven gegründet hat, will Klink allerdings nicht herummäkeln.

Mit Argusaugen verfolgte man im Hause der Legislative die Vorbereitungen für den Smidt-Jubel im November. Als ruchbar wurde, die Bremer Landesbank bereite die Herausgabe einer Smidt-Medaille in Gold und Silber vor, schlug der Parlamentschef Alarm. Er schrieb der Bank, er habe Bedenken "aus Gründen der Stärkung des parlamentarischen Selbstverständnisses unserer Bürger". Der Bankdirektor konterte: Diese Gründe seien nicht ausschlaggebend. An Smidt in Silber und Gold wird fleißig weitergearbeitet.

Klink ließ sich noch mehr einfallen. Er schickte seinen Genossen im Rathaus eine Liste mit Demokratennamen aus der Revolution von 1848. Nach ihnen – durchweg Gegenspieler des Johann Smidt – sollen, so wünscht der Präsident, künftig Straßen in der Hansestadt genannt werden. Außerdem begehrt Klink in einem Brief an Regierungschef Koschnick zu wissen, wer eigentlich das Geburtstagsfest für den umstrittenen Heroen ausrichte und ob der Senat da etwa mitspiele. Eine rhetorische Frage, Klink weiß, was alle wissen: Senat und die wissenschaftliche Vereinigung "Wittheit", deren Patron Smidt war, wollen das gemeinsam im Rathaus machen. "Ohne mich", deutete Präsident Klink bereits an, oder "wenn mit mir, dann mit einem äußerst kritischen Grußwort."

Politische Gegner Klinks haben ihm inzwischen Mangel an Distanz und Gelassenheit vorgeworfen. Politische Freunde üben Zurückhaltung. Den Schwarzen Peter hat jetzt Bürgermeister Koschnick. In seinem Amtszimmer, vor dem der Johann Smidt in schneeweißem Marmor, den Kranz aus Eichenlaub in der Rechten, ihm ganz rahe ist, wird der eben aus dem Urlaub zurückgekehrte Regierungschef zu entscheiden haben, was, wie und mit wem im November gefeiert wird.