Die Auto-Rennen, von denenMercedes-Benz sich vor Jahren nach einem schrecklichen Unglück auf der Strecke von Mans zurückgezogenhat, können tödlich sein. Nachdem beim 24-Stunden-Rennen von Francorchamps vor kurzem, nämlich am 22. Juli, der Deutsche Hans-Peter Joisten und der Franzose Roger Dobos ums Leben gekommen waren, starb acht Tage später in einem Krankenhaus zu Lüttich das dritte Opfer dieses Wettbewerbs: der schwerverletzte Italiener Massimo Larihi.

Die Grand-Prix-Rennen sind international; der Tod auf diesen Bahnen ist es auch. Was in Belgien geschehen war, wiederholte sich, wie wir wissen, in den Niederlanden, wo auf dem Parcours von Zandvoort der Engländer Roger Williamson im umgestürzten Wagen verbrannte.

Bei zwei großen Rennen brachte also die Fahrer-Elite aus vier Ländern ihr Opfer. Wozu? Es kann ja nicht beabsichtigt sein, daß solche Auto-Rennen auch noch bestimmte menschliche Regungen in uns töten! Und doch ist dies offensichtlich der Fall. Wer die Szene von der Piste in Zandvoort sah – und sei es nur im Fernsehen –, vergißt sie nicht. Er vergißt nicht, wie der Fahrer David Purley, der seinem Landsmann im Augenblick des Unfalls folgte, seinen Wagen anhielt. Wie er in seinem reißen Overall zur Unglücksstätte rannte, als renne er um sein Leben. Wie er den brennenden Wagen umzudrehen, auf die Räder zu setzen suchte, um seinen Freund aus den Flammen zu befreien. Wie er versuchte, die Fahrer auf der Bahn anzuhalten. Wie er sich mit beredten Gesten um Hilfe an die Umstehenden wandte. Und mit welchem Erfolg das alles?

Die Fahrer hielten nicht an. Die Umstehenden verbrannten sich die Finger nicht. Jeder tat, wozu er da war. Die Fahrer fuhren, die Zuschauer gafften, und die Kameraleute drehten die Szene vom Feuertod eines jungen Menschen. Sie nahmen das Zeugnis von der Verzweiflung seines Kameraden auf den Filmstreifen. Sie hielten das Dokument fest, daß keine Hand sich rührte. Sie verewigten den Beweis abgetöteter Menschlichkeit.

Wozu also solche Rennen? Daß sie dem Fortschritt der Autotechnik dienen und allen Fahrern zugute kommen, ist nicht mehr wahr. Sonst hätte sich Mercedes nicht von ihnen zurückgezogen. Was zur Zeit der technisch sinnvollen Prüfungen ein Nebenprodukt war: die innere Beteiligung der sportbegeisterten zuschauenden Massen, ist Hauptprodukt geworden, doch der Sportgeist ist zur Sensationslust entartet. Es kann nicht anders sein: Sportgeist drängt zur Beteiligung; zum Helfenwollen; Sensationslust läßt die Menge erstarren, läßt sie starr ren – tatenlos.

So betrachtet das Publikum die Rennfahrer, wie die römischen Kaiser die Gladiatoren betrachteten: Die Kämpfer haben nicht herumzurennen, zu gestikulieren, einander zu helfen und andere um Hilfe anzuflehen. Sie haben dem Publikum zuzurufen: "Morituri te salutant!" und sich entsprechend zu verhalten. Um aber bei dem Thema "Automobil" zu bleiben: Überfüllte Straßen, Geschwindigkeitsbegrenzungen sind heute modern; Rennen sind altmodisch, es sei denn, sie dienen dem Nervenkitzel eines Publikums, welches mit den Sätzen aus Büchners Wozzeck Beifall spendet, daß dies ein schöner Tod gewesen sei. Einen solchen Tod haben wir lange nicht gehabt...

Inzwischen rüstet man sich in Deutschland für das Nürburg-Rennen. Wie gut wäre es, könnten wir zum Abschluß dieses Rennens hören, daß die herrliche Eifelstrecke in Zukunft ausschließlich für Spazierfahrten zur Verfügung stünde.

Für Spazierfahrten und nichts anderes!