Zufrieden kann die DDR Bilanz ziehen. Sie zeigte sich während des Weltjugendfestivals in Ostberlin von einer Seite, die alle Welt in Erstaunen setzte: unverkrampft, selbstsicher und heiter.

Neun Tage lang diskutierte eine selbstbewußte DDR-Jugend mit westdeutschen Sprechern von Rollmann bis Roth. Sie hatte ihren Marx und Lenin im Kopf und vertrat ihren Standpunkt konziliant, aber offensiv. Sie hörte den Argumenten des CDU-Abgeordneten eher gelangweilt zu und schüttelte über den bundesrepublikanischen Begriff einer deutschen Nation verständnislos den Kopf: Budapest liegt ihr näher als Hamburg.

Dafür nötigte ihr die Roth-Truppe Nachdenken ab: Gibt es wirklich nur einen einzigen Weg zum Sozialismus? Diese Diskussion, die die warmen Tage und Nächte auf dem Alexanderplatz erfüllte, war in der Tat bemerkenswert und für die DDR so ungewöhnlich wie die Berichterstattung des Neuen Deutschland. Zum erstenmal vernahmen die Bewohner der DDR in ihren Medien Töne, die sie bis dahin nur im westlichen Fernsehen hatten hören können.

Ganz bewußt ließ die SED-Führung dieser Diskussion freien Lauf. Allerdings ging sie hierbei auch kein Risiko ein. Denn die über ein Jahr dauernde Vorbereitung der FDJler, die Auswahl der Kader und die Existenz der Mauer schlossen jeden Eklat von vornherein aus. So konnte sie der Welt getrost zeigen, daß in ihrem Land eine Generation von Deutschen herangewachsen ist, die das Leben im sozialistischen Staat, genannt DDR, bejaht.

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Schon vor Jahren haben westliche Kenner eine wachsende Identifizierung der DDR-Deutschen zu ihrem Staat und seinen Errungenschaften festgestellt. Neu aber ist die Tatsache, daß dieser Staat seiner Jugend eine öffentliche Konfrontation mit anders denkenden und anders argumentierenden Menschen zutraute. Sie hat diese Probe bestanden. "Wo gibt es eigentlich größere Meinungsfreiheit auf der Welt?" jubelte Erich Honecker. Man könnte ihm da viele Orte nennen. Indes hat die SED-Führung gezeigt, daß sie als "weltoffener Staat" einen eigenständigen Part spielen kann.

Zwei Schlußfolgerungen sind aus dem neuen Selbstbewußtsein der DDR zu ziehen:

Erstens: Die SED-Führung wird die Schraube schwerlich zurückdrehen können. Sie wird in ihrem Staat nun eine Vielfalt von Meinungen zulassen müssen und, wie immer kanalisiert, sich auf kritische Fragen ihrer Bürger einzustellen haben. Denn die FDJler, die nach diesem Festival in die Provinz zurückkehren, werden ihren Freunden von den Berliner Tagen berichten. Und sie werden auf ihren Schulungsabenden, in Betrieben und auf den Universitäten die offene und freimütige Diskussion vom Alexanderplatz fortführen wollen.