Von Wolfram Siebeck

Es ist an dieser Stelle immer wieder vor den Gefahren des Urlaubs gewarnt worden. Durch nichts wird Gesundheit und Leben so bedroht wie durch die dem Menschen aufgezwungene Unsitte des Urlaubmachens. Im Vergleich zu dem nach Süden ziehenden Urlauber erscheint ein Lemming wie der personifizierte Selbsterhaltungstrieb. Aber auch das Ausmaß der urlaubsbedingten seelischen Schäden ergibt, aneinandergereiht, eine Länge, die der fünffachen Entfernung Hamburg–Ibiza entspricht. Führende Psychiater sind längst davon abgekommen, ihre Patienten nach folgenschweren Kindheitserlebnissen auszuforschen. Fast immer sind es nämlich die Erlebnisse des letzten Urlaubs, die die Menschen in die Klapsmühlen bringen.

Um so begrüßenswerter ist es, daß Tageszeitungen neuerdings unsere Warnungen aufgreifen und ihrerseits durch Veröffentlichungen dazu beitragen, daß der Leser nicht allzu übermütig in den Urlaub fährt. So las man vor wenigen Tagen in vielen Zeitungen eine Mahnung vor dem Baden im Meer, in Seen und Flüssen. Wer sich nach der Lektüre dieses Schreckenskatalogs noch ins Wasser traut, muß verrückt sein: "Schwere Hand-, Arm-, Schulter- und Kopfverletzungen sowie Querschnittslähmungen und Nackenwirbelbrüche als Folge von mißglückten Kopfsprüngen häufen sich in der Badesaison." Dieser Satz allein, der nur einer von vielen ähnlichen ist, müßte eigentlich genügen, den Leuten sogar die Badewanne zu verleiden. Aber leider werden die Dummen nicht weniger, die vom mißglückten Kopfsprung bis zum mißglückten Seitensprung alles unternehmen, was ungesund und teuer ist.

Als bedürfe es noch einer zusätzlichen Bestätigung, welches Unheil so ein Urlaub anrichten kann, berichtete der Spiegel kürzlich, daß Urlaub sinnlich macht. Was das bedeutet, weiß jeder, der einem Wüstling bei der Arbeit zugesehen hat. Doch im Urlaub findet dieser die gewohnten Arbeitsbedingungen nicht vor. Statt dessen lauern auf den sinnlich gemachten Urlauber umkippende Luftmatratzen, Ober- und Untersog, Wadenkrampf und Hitzeschock. Das harmloseste der aufgeführten Übel, der Wadenkrampf, kann laut Horrorkatalog folgendermaßen kuriert werden: "Auf dem Rücken liegend, erfassen Sie die Fußspitze des vom Krampf befallenen Beins mit einer Hand, und ziehen Sie Fußspitze und Knie gegen die Brust. Dabei ruhig und gleichmäßig weiteratmen." Daß damit der Seitensprung mißglückt ist, wird jedem klar, der sich den sinnlich gemachten Urlauber ruhig und gleichmäßig atmend mit an die Brust gezogener Fußspitze vorstellen kann.

Aber auch wer der Sinnlichkeit entgeht und auf den Kopfsprung verzichtet, hat im Urlaub nichts zu lachen. Aus Gedankenlosigkeit und Bequemlichkeit glauben viele Urlauber, weiteratmen zu müssen, wenn Sie keinen Wadenkrampf haben. Diesen Leichtsinn müssen sie teuer bezahlen: Ein Jahr später treibt es sie nämlich wieder hinaus in die Ferne zu mißglückten Kopfsprüngen in die Wasserstrudel und Schiffsschrauben, auf umkippende Luftmatratzen und zu all den anderen Gefahren, die sie sich durch konsequentes Luftanhalten ein für allemal ersparen könnten.