Frankreich, England und die Bundesrepublik finanzneren gegenseitig ihre Weltraumprojekte

Charles Hanin, Belgiens Wissenschaftsminister, hatte sich vorgenommen, es seinen Kollegen aus zehn europäischen Ländern nicht mehr so leicht zu machen. Anstatt, wie drei Wochen zuvor, die Europäische Weltraumkonferenz wegen Verhandlungsunfähigkeit einiger Delegationen erneut zu vertagen, nahm er die Teilnehmer einzeln ins Gebet. Am Ende der stundenlangen "Verhöre im Beichtstuhl", so die spöttische Bezeichnung der Konferenzteilnehmer für das unorthodoxe Vorgehen des Präsidenten, war die endgültige Finanzierung von Europas Weltraumplänen zwar wiederum nicht gesichert, der totale Kollaps allerdings vermieden worden.

Bis zum 14. September wollen Italien, Schweden, Norwegen und Dänemark entscheiden, ob und in welcher Höhe sie sich an den Kosten des europäischen Raumfahrtprogramms von rund drei Milliarden Mark während der nächsten sechs bis acht Jahre beteiligen. Erst dann wird sich herausstellen, ob Europas Raumfahrtambitionen, die im November 1971 wenige Sekunden nach dem mißglückten Start der in Ko-Produktion entwickelten Trägerrakete Europa-II buchstäblich im Atlantik versanken, von neuen Hoffnungen genährt werden.

Schon vorher wollen die in der Europäischen Weltraumkonferenz vertretenen Länder (sieben EG-Mitglieder – ohne Luxemburg und Irland – sowie der Schweiz, Schweden, Norwegen und Spanien) mit den USA ein Abkommen über die Mitarbeit Europas beim Apollo-Nachfolge-Programm (in USA PAP, Post Apollo Programm genannt) unterzeichnen. Als letzten Termin für eine Antwort auf ihre nun vier Jahre alte Offerte haben die USA den 15. August 1973 genannt. Andernfalls wollen sie die den Europäern reservierten Aufträge zur Entwicklung eines Weltraumlabors, das nach 1980 mit dem Raumtransporter (Space Shuttle) gestartet werden soll, an die amerikanische Industrie vergeben. Dieser Termin kann nun, vorbehaltlich der definitiven Zusage der vier noch unentschlossenen Länder, eingehalten werden.

Bleiben jedoch die Schecks aus Rom, Stockholm, Oslo und Kopenhagen aus, entgehen der europäischen Raumfahrtindustrie nicht nur wichtige Aufträge. Vielmehr droht dann der Kompromiß, bei dem Forderungen und Gegenforderungen an der Grenze der Erpressung miteinander in Einklang gebracht wurden, wieder zu platzen,

Während nämlich den Deutschen die Zusammenarbeit mit den USA am vorteilhaftesten erschien, um nach den Fehlinvestitionen in die gemeinsame europäische Trägerrakete Europa einen Platz im Weltraum zu sichern, boten die Franzosen die Entwicklung einer anderen Rakete (L3S) an.

Die neue Rakete soll nach 1980 an Stelle der im Planungszustand liquidierten Europa-III Satelliten in den Weltraum befördern. Großbritannien, einstmals Befürworter eines europäischen Trägersystems, seit 1970 aber im Lager der Skeptiker, konnte sich auch für das Ersatzmodell der Franzosen nicht begeistern. Gegenüber dem Vorschlag, mit den USA zusammenzuarbeiten, hielten sich die Briten aber ebenfalls kühl zurück. Sie plädierten statt dessen für den Bau eines maritimen Navigationssatelliten. (MAROTS).