In Frankreichs größter Uhrenfabrik wehren sich Arbeiter gegen die Betriebsstillegung

Frankreichs Uhren gehen doch anders. Seit Monaten bewegt’das Schicksal der Uhrenfabrik Lip SA Besançon die ganze Nation. Seit über 100 Tagen kämpfen die Arbeiter um das Überleben ihrer bankrotten Firma. Seit Wochen werden Paragraphen zurechtgebogen, Solidaritätsparolen verkündet und wirtschaftliche Spielregeln mißachtet. Als die Pleite auch dem letzten Arbeiter unvermeidlich scheint, wird der Staat als Retter aus der Not beschworen. Als die Rettungsaktion verkündet ist, bleibt nichts als Spott: Die Lip-Arbeiter belachen den Sanierungsplan als "riesigen Bluff", die Angestellten höhnen ihn als "hingeschluderte Ferienarbeit".

In Besançon wie in Paris wußte man es schon ziemlich lange: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Lip, dem größten Uhrenfabrikanten im Lande, die Stunde schlägt. Spätestens seit Anfang Mai mußte etwa ein Drittel der 1300 Lip-Mitarbeiter um den Arbeitsplatz bangen. Doch schon 1969 war in den Zeitungen zu lesen, daß der reichlich exzentrische, aber sozial fortschrittliche Uhren-Boß Fred Lip Schwierigkeiten beim Absatz seiner Chronometer der gehobenen Preisklasse hatte. Die Symptome der Lipschen Krankheit: stagnierender Umsatz, schrumpfender Export, fehlender Gewinn.

Dann übernahm das Schweizer Unternehmen Ebauches 43 Prozent der Aktien. Alles schien sich zum Besseren zu wenden, zumal sich Kleinaktionär Lip an die Côte d’Azur zurückzog. Doch die Eidgenossen hatten es offensichtlich nur auf das renommierte Markenzeichen abgesehen. Die Lip-Abteilungen Werkzeugmaschinen- und Waffenbau ließen die Schweizer in die roten Zahlen abrutschen.

Im April versuchten zwei neue Geschäftsführer zu retten, was zu retten war. Doch sie wurden vom Personal eingesperrt. Und als sie einen 15 Millionen Franc teuren Sanierungsplan bekanntgaben, durch den 500 Arbeiter auf die Straße gesetzt worden wären, rebellierte die Belegschaft. "Keine Entlassungen" schrieb sie auf ihre Transparente. Den immensen Schuldenstand von zwölf Millionen Franc (Umsatz 1972: 95 Millionen), zweifellos unfähigen Managern zu verdanken, konnten allerdings auch die Arbeiter-Delegierten nicht wegzaubern.

Als die Lip-Arbeiter ihre Fabrikationsstätten besetzten und die Selbstverwaltung verkündeten, stieß die Aktion auf Verständnis. Stadtverwaltung, Abgeordnete und Bischof spendeten Beifall.

Um ihre Selbstverwaltung über die ersten Runden zu bringen, mußten die Arbeiter natürlich Kasse machen. Sie schmuggelten deshalb schätzungsweise 60 000 Uhren aus dem Werk und verkauften sie weit unter dem üblichen Preis, dafür aber ohne große Mühe (und mit Garantie).