Von Marietta Riederer

Die Vorwürfe des Pariser Figaro, die Haute Couture 1973/74 leide an Einfallslosigkeit, und die Vier-Tage-Jagd, um 30 Kollektionen zu absolvieren, grenze an Verrücktheit..., sie enthalten Wahrheiten, können aber auch nervösen Ermüdungserscheinungen vor dem Sommerurlaub entspringen. Denn, wehe der Haute Couture, wäre sie bei der allgemeinen Wirtschaftslage mit irritierenden Neuheiten gekommen. Die Konzeption der Einkäufer wäre zusammengebrochen.

Die Haute Couture als Spitze aller Moden dient als Orientierung und als Qualitätshinweis nicht nur für die oberen Zehntausend, sondern als Vorlage für das Pret-a-porter de Luxe. Auch Reiche brauchen ein Vorbild. Weniger Reiche und Normalbemittelte tun sich, da leichter: Sie picken sich aus dem großen Modekuchen heraus, was ihnen Spaß macht, oder ziehen sich sportlich an. Damit haben sie genau den Anschluß an den Stil der Haute Couture von heute erreicht. "Sport de Luxe" ist das Leitmotiv fast aller Kollektionen. Erstaunlich ist dabei, daß Couture-Häuser, die mehr zum Prêt-à-porter tendieren, also junge Mode zeigen, die längsten Röcke offerierten. Das heißt, Röcke, die den Stiefelansatz bedecken und am Abend fessellang sind. Nostalgiemoden? Sie werden der Jugend als Neuestes untergejubelt, obwohl ihr Nostalgie fremd ist, es sei denn, sie würde sich sehnsüchtig an den Kindergarten erinnern.

Beim bisher fröhlichen Louis Feraud schlichen die Mannequins zu Walzerklängen in langen schwarzen Cape-Mänteln, in schwarzen Strümpfen und gesteppten Cardiganjacken über den Laufsteg. Dazu passen Zopffrisuren oder Pola Negris Pagenkopf. Guipure-Stickereien schmücken die Säume langer Röcke und Ärmel. Ein bißchen Farbe für den Tag und abends Weiß mit schwarzen plakativen Mustern.

Munterer war es bei Ted Lapidus. Da gab es lange glockige Röcke an Schinkenärmelkleidern, Lochstickereien in Fensterleder-Outfits, schwingende Trenchcoats und taillierte Kostümjacken für Twens mit Collegehüten und offener Mähne.

Echte Haute Couture bot endlich Marc Bohan mit seinem neuen Dior-Look. Die winterlichen Hosenanzüge mit Hemdjacken sind am schönsten in Biskuittönen. Sehr glockig geschnittene Pyramidenmäntel konkurrieren mit schmalen "Überziehern", und Kostüme überzeugen sofort, wenn sie lässig wirken und aus Tweed mit Jersey verschiedenartig, aber ähnlich gemustert sind. "Jeansblau" in allen Abstufungen ist die Farbe bei Dior, sie ist in edlem Material kleidsamer denn je. Dazu gehört ein rosiges helles Make-up. Geranienrot – Geranien wucherten bis zur Decke in den Salons – gibt immer Pep. Es folgen alle Gewürztöne von weißem Pfeffer bis Zimt und Muskat, dann Lodengrün und Jade; für den Abend Perlgrau, Aprikose und Pampelmuse.

Hubert de Givenchys Mode ist dermaßen kostbar und handwerklich so kompliziert, daß die Begeisterung amerikanischer Einkäufer im Hinblick aufs Kopieren ins Wanken geriet. Mit Steppereien nach chinesischem Vorbild gibt er Mänteln und Kostümen aus Jersey Stand, ohne ihnen die Schmiegsamkeit zu rauben. Auch die Haut der Kobra wird in den eigenen Ateliers weich wie Handschuhleder bearbeitet. Ein Kobramantel, burgunderrot eingefärbt, brachte den Kürschner in Rage, fünfmal mußte der Pelzbesatz dazu neu eingefärbt werden, bis der Farbton paßte. Kobra vergoldet, aber auch als Druck auf Stoffen, oder ein knöchellanger Cardiganmantel aus gestepptem schwarzem Samt, mit Steinen und schwarzen Seidenblumen bestickt, das ist es, was die 70 Prozent seiner Kundinnen aus Amerika suchen. Mode nach dem Motto: "Wenn du reich bist, zeig es!"