Westerland! Kiel

Deutschlands Dünen-Dorado Sylt macht nach wie vor Schlagzeilen. Nachdem vor Jahresfrist das geplante Touristen-Silo „Atlantis“ in einer Flut von Protesten versank, bleibt die Insel im Gerede. Erst feuerten Sylter Sozialdemokraten den Westerländer Bürgervorsteher Ernst-Wilhelm Stojan aus seinem Amte, dann erhitzten sich die Gemüter an einem Bericht des Landesrechnungshofes, der den Verantwortlichen des Seeheilbades Mißwirtschaft vorwarf; und am vergangenen Sonntagmorgen wurden Feriengäste und Insulaner unsanft von Sirenengeheul geweckt: Feuer auf der Axel-Springer-Gästeherberge „Klenderhof“ in Kampen.

Prominentester Gast auf dem Anwesen Springers: Karl Schiller. Ganz in der Nähe seines Apartments fand der ehemalige Wirtschaftsminister zwei Brandsätze, die nicht gezündet hatten; die Kriminalpolizei entdeckte zwei weitere, die offenbar das reetgedeckte Haus in Brand gesteckt hatten. Wer das Feuer gelegt hat, ist den schleswig-holsteinischen Kriminalbeamten aber bislang noch ein Rätsel. Dennoch bot das Feuer Politikern Stoff zu starken Worten. Karl Carstens, ostholsteinischer Bundestagsabgeordneter und CDU-Oppositionsführer in Bonn, sprach von einem „Alarmsignal für weitere bedrohliche Entwicklungen in unserem Land“, und der Pressesprecher der Kieler Landesregierung, Staatssekretär Arthur Rathke, sah in der Brandstiftung ein aus „politischem Fanatismus geplantes Verbrechen“.

Doch auch dieses Feuerwerk hat es nicht geschafft, von den gegenwärtigen Disharmonien unter den Politikern zwischen List und Hörnum abzulenken. Sowohl die städtische Bürokratie als auch die Kurverwaltung sind in Bedrängnis geraten. Seitdem Sylter Sozialdemokraten die Abwahl des Bürgervorstehers betrieben, wissen nicht nur Eingeweihte, daß etwas faul ist auf Sylt. Miese Intrigen und kleinbürgerlicher Muff regieren auf dieser „Insel der Individualisten“ (wie ein Prospekt verheißt).

Der sozialdemokratische Kurdirektor Petersen hatte bis zum letzten Tag für „Atlantis“ gekämpft. Doch ihm stand sein Parteifreund Stojan entgegen, der als Landtagsabgeordneter nicht nur in Kiel von Lebensqualität und Umweltschutz spricht. Letztlich scheiterte „Atlantis“ am Einspruch der Landesregierung, aber nicht wenige glauben, daß Stojan hier kräftig nachgeholfen hat. Um die späte Rache an Stojan wegen „Atlantis“ genau verstehen zu können, müßte man ein sorgfältiges Diagramm der Ämter- und Intrressenverfilzungen der einflußreichen Sylt-Bürger entwerfen. Das jedoch ist selbst für die Eingeborenen schwierig, die bestenfalls noch wissen, daß ein Ex-Bundestagsabgeordneter als Präsident des Lions-Club und ein Polizist im Kreise der Freimaurer zu den heimlichen Regenten gehören.

Mitten hinein in die Affäre Stojan platzte ein Bericht des Landesrechnungshofes Schleswig-Holstein. In dieser, durch Indiskretionen an die Öffentlichkeit geratenen Bestandsaufnahme, wird der Stadt- und Kurverwaltung ein Defizit von rund 2,7 Millionen Mark für die letzten drei Jahre zur Last gelegt. Offenbar haben die Hausherren aufder Insel dem Finanzgebahren ihrer meist zahlungskräftigeren Gäste nachgeeifert, denn unmißverständlich kreidet der Rechnungshof ihnen vielfach überhöhte Repräsentationsausgaben an. Schlußfolgerung: Die Lage sei sehr ernst, es müßten unverzüglich Maßnahmen zur Abwendung eines totalen Bankrotts ergriffen werden. Erhöhung der Kurkosten und Senkung der Eigenausgaben empfehlen die Kieler Rechner. So könnte man doch zum Beispiel statt einer teuren Kurkapelle ein Tonbandgerät auf dem Dirigentenpult der Musikmuschel installieren.

Doch anstatt zu kalkulieren wurde in Westerland katapultiert. Der schärfste Kritiker der Sylter „Kurpfuscher“ Stojan mußte gehen, während sein Widersacher Kurdirektor Petersen damit rechnet, daß der SPD-Landesvorstand am 10. August gegen ihn und alle Stojan-Gegner in der Stadtvertreterfraktion „parteiinterne Konsequenzen“ ziehen wird. In einer Sondersitzung nach der Abwahl Stojans hatte der Landesvorstand alle Sylter Sozialdemokraten aufgefordert, am Freitag dieser Woche den gesamten Ortsvereinsvorstand abzuberufen. Begründung des Landesgeschäftsführers Rolf Selzer für diese recht fragwürdige Einflußnahme auf die Basis: „Mit unseren Sylter Sozis scheint auch die Ratio baden gegangen zu sein.“