Von Jürgen Krämer

Washington, im August

Wenn ich nur sechs vom Schlage Senator Ervins hätte, dann würde ich – alt wie ich bin – jetzt das Weiße Haus stürmen und die dort alle an die Kette der Verfassung legen." Man könnte über diese Volkssturm-Idee Raoul Bergers, des Verfassungsrechtlers von Harvard, schmunzeln, wenn solche harmlos-engagierten Komplimente für Sam Ervin im Weißen Haus nicht aufgegriffen würden, weil sie das dort grassierende Vorurteil zu bestätigen scheinen: Der Senator aus Nordkarolina und Vorsitzende des Watergate-Untersuchungsausschusses sei nur darauf aus, den Präsidenten zur Strecke zu bringen (to get the President).

Angeblich hat Präsident Nixon diesen Verdacht Sam Ervin sogar persönlich vorgehalten, als er noch mit ihm sprach. Das war Anfang Juli, als die beiden miteinander telephonierten und Nixon zusagte, Ervin zu einem Gespräch zu empfangen. Im Krankenhaus aber nistete sich bei dem Präsidenten dann wohl vollends die Überzeugung ein, der 76jährige Ervin sei auf seine harmlos-perfide Art für ihn viel gefährlicher als alle anderen Watergate-Opponenten.

Seit Nixons rüder Mitteilung, er sehe keinen Sinn mehr darin, den Senator zu empfangen, wird im Weißen Haus mit groteskem Eifer am Feindbild Sam Ervins gemalt. Zunächst hatte sich Nixons Gefolge noch damit beschieden, ihn als Senator Claghorn zu karikieren, eine Anspielung auf jenen fiktiven Senator aus den Südstaaten, der in den dreißiger Jahren im Rundfunk als Vielschwätzer die Leute amüsierte. Aber das tut dem Bild vom Onkel Sam keinen Abbruch, für das sich immer mehr alte und junge Anhänger Ervins begeistern. Während sich Tausende von jungen Amerikanern T-shirts mit Uncle Sam-Köpfen kaufen und die Hausfrauen des Mittleren Amerika sich von Ervins Gradlinigkeit, Lauterkeit, Bibelfestigkeit und Humor am Bildschirm beeindrucken lassen, sammeln die Propagandisten im Weißen Haus Munition für den Gegenangriff auf Ervin. In ihrer Verzweiflung versuchen sie, den Senator als gefährlichen Tölpel und trottelhaften Extremisten abzustempeln.

Nixons Redeschmied Patrick Buchanan leitete den Gegenangriff Anfang August mit einem langen Artikel in der New York Times ein. Buchanan zitierte den Universitätskanzler von Rochester: "Die Reaktion der Journalisten und Politiker auf den Einbruch im Watergate ist moralisch noch viel korrupter als die Watergate-Vorgänge selbst." Zu denen, die an dieser angeblich noch größeren moralischen Korruption besonderen Anteil haben, zählte Buchanan besonders Senator Ervin und dessen "extremistischen Humbug".

Offenbar bezog sich die Kritik an Ervin auf eine Äußerung des Senators bei einer der Watergate-Anhörungen Ende Juli: "Ich ging bisher immer davon aus, daß der Bürgerkrieg die größte Tragödie unseres Landes war, aber ich weiß, daß es im Bürgerkrieg immerhin einige läuternde Elemente gab, denn da wurde auf beiden Seiten Opferbereitschaft und Heldenmut bewiesen, Ich sehe aber nirgendwo eine Läuterung durch die Watergate-Affäre." Dieser etwas überzogen wirkende Vergleich des Watergate-Skandals mit dem Bürgerkrieg bot Buchanan den willkommenen Anlaß, Ervin der extremistischen Tölpelhaftigkeit zu zeihen. Davon, daß Präsident Nixon vor gar nicht allzu langer Zeit Ervin einmal "einen der größten Verfassungsjuristen" Amerikas genannt hat, will das Weiße Haus heute jedenfalls nichts mehr wissen.