Dabei ist – nüchtern betrachtet – Sam Ervin als Vorsitzender des Watergate-Untersuchungsauschusses für den Präsidenten gar nicht so gefährlich. Der Senator ist ja in Wirklichkeit keineswegs darauf aus, Richard Nixon zur Strecke zu bringen. Er will überhaupt niemanden erledigen, sondern nur etwas bewahren, was ihm besonders am Herzen liegt: Die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika.

Ervin ist ein Fundamentalist, der auf den Buchstaben der Verfassung pocht, und das in einer überaus traditionellen, an Thomas Jefferson orientierten Interpretation. Der frühere Richter am Obersten Gerichtshof Nordkarolinas fühlt sich als Nachlaßverwalter der Gründerväter. Er war stets gegen eine zu ausschweifende wie auch gegen eine zu enge Auslegung der Verfassung. So ist es auch zu erklären, daß er im Jahre 1954 das Urteil des Obersten Gerichtshofes tadelte, das die Rassentrennung an den Schulen aufhob, daß er aber das höchste Gericht ebenfalls kritisierte, als es das Zeugnisverweigerungsrecht für Journalisten einengte.

Von Haus aus ist Sam Ervin ein Konservativer, wie, zum Beispiel, die Anhänger von Women’s Lib sehr gut wissen. Als der Senat Anfang 1972 die verfassungsrechtliche Gleichstellung der Frauen beschloß, stand Sam Ervin auf und rief aus: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Dieser Verfassungszusatz widerspricht der Schöpfung Gottes, der Mann und Frau nicht gleich gemacht hat.“

Der Dixiekrat (wie die Demokraten aus den Südstaaten genannt werden) hat auch die amerikanische Kriegsführung in Vietnam lange gutgeheißen. Seine politische Einstellung prädestiniert Ervin daher nicht eben dazu, für die Liberalen oder gar die Linke Amerikas eine Symbolfigur zu sein. Warum er im Laufe der Watergate-Untersuchung dennoch für viele Links-Liberale zu einem Helden werden konnte, erklärt vielleicht am besten die Bemerkung eines der vielen jungen Zuschauer, die sich Tag für Tag um die Plätze im Sitzungssaal des Untersuchungsausschusses drängen. „Für mich“, sagte der junge Mann, „ist der Vorsitzende Ervin die Ehrlichkeit in Person“.

Inmitten all des Schmutzes, den Watergate an die Oberfläche gespült hat, wirkt Sam Ervin wie eine einsame Insel der Sauberkeit und Glaubwürdigkeit. Daß er seinem ganzen Habitus nach eigentlich dem vergangenen Jahrhundert angehört, stört seine Bewunderer nicht. Ganz im Gegenteil: Sein altmodisches Gebaren, seine Geradlinigkeit, sein Zorn, sein Humor, ja sogar sein hohes Alter – das alles scheint sich in dieser Situation als ein besonders imponierendes Tugendregister zu entpuppen. Von der so häufig beklagten Vorherrschaft der Alten auf dem Kapitol spricht momentan niemand mehr.

Auf der grell beleuchteten Bühne des Watergate-Ausschusses, vor den elektronischen Augen der zahllosen Fernsehkameras offenbart sich Sam Ervin als ein Mensch, der überzeugt: Wenn er großväterlich-gütig auftritt, wirkt er nicht etwa vertrottelt. Wenn er aufbraust, dann ist er nicht zynisch-aggressiv. Wenn er mit verschmitztem Gesicht, zitternden Augenbrauen und den Gebärden gichtiger Hände Späße aus seiner Zeit als „simpler Landrichter“ zum Besten gibt, tut er es herzhaft und unprätentiös. Wenn er immer wieder die Bibel zitiert, dann geschieht das mit der Absicht, Orientierungshilfen für praktische Humanität zu geben, nicht um Religiosität vorzutäuschen. Wenn er von Ehre spricht, klingt es überzeugender, als etwa die zahllosen Beteuerungen Richard Nixons vom „ehrenhaften Frieden“ in Vietnam.

Es sind diese altväterlichen Tugenden, die Sam Ervin zum Idol gemacht haben. Seine Integrität imponiert um so mehr in einer Zeit, in der sich die Konservativen nicht mehr am Glanz des Weißen Hauses aufrichten können und die Liberalen ebenso wie die ermattete Linke ohne Leitbilder sind.