Von Karl-Heinz Wocker

London, im August

Sie laufen herum wie die Kinder unterm Weihnachtsbaum und können die Bescherung noch kaum fassen. Auf einem Landsitz bei Oxford stellten sie sich lachend den Photographen während einer Beratung, bei der es darum ging, wie aus dem Momentanerfolg eine echte, langersehnte Renaissance werden kann. Denn die ist noch weit weg.

Die Liberalen haben in Großbritannien vier von acht aufeinanderfolgenden Unterhauswahlen gewonnen, glanzvoll zum Teil. Selbst bei geringer Wahlbeteiligung sind 43 Prozent für einen ihrer Kandidaten eine politische Sensation. Nur sind die Resultate von Nachwahlen kurzlebig. In der Mitte der Legislaturperiode blüht der Protest. Da setzt man auch einmal auf Außenseiter. Unter Labour waren es die Nationalisten in Wales und Schottland, die plötzlich überall das Rennen machten. 1970, bei den allgemeinen Unterhauswahlen, verschwanden sie sang- und klanglos. Werden auch die jubilierenden Männer um Jeremy Thorpe 1974 oder 1975 wieder auf ihr traditionelles Halbdutzend reduziert?

Jetzt sind sie zehn von 630. Nach Mandaten bildeten sie also nicht einmal eine nennenswerte Fraktion. Aber ihr Erfolg ist keine Frage der Zahl allein. Was die Nachwahlen – zuletzt in Ripon und Ely – zeigen, ist eine tiefsitzende Desorientierung der Wähler. Wenn eine Regierung durch ihre unpopulärste Phase geht, wie das Kabinett Heath derzeit auf dem Höhepunkt des Preisanstieges, dann müßten die Arme der Opposition weit geöffnet sein. Das sind sie auch, nur nicht für enttäuschte Tory-Wähler. Die kann man nicht einfangen mit hitzigen Debatten darüber, ob eine künftige Labour-Regierung nun 25 oder 100 oder alle Konzerne verstaatlichen soll, ob außer den Groß- auch die Privatbanken enteignet werden und in welcher Form man der Brüsseler Gemeinschaft die Stirn zeigen wird.

Gerade mit Blick auf Brüssel werden die liberalen Gewinne in London sorgsam analysiert. Denn hier gibt es keine Unterschiede zwischen ihnen und den Tories. Auch in Fragen der Gewerkschaftsreform oder der staatlichen Preis- und Einkommenspolitik stehen die derzeitigen Sieger und Verlierer der Nachwahlen einander sehr nahe. In allem also, was die Wähler bewegt, bilden die Liberalen keine recht erkennbare Alternative zur Regierung. Woher dann der Umschwung?

Das Häuflein um Jeremy Thorpe hat seit einiger Zeit einen anderen politischen Stil entwickelt. Sehr viel konsequenter haben die liberalen Kandidaten die große Politik aus den Nachwahlkämpfen ferngehalten. Den beiden etablierten Parteien schadet es, daß die aus der Zentrale anreisenden Prominenten meist nichts anderes als eben die große Politik beherrschen, wozu auch Inflation oder Sozialpolitik gehören. Die Liberalen haben keine Prominenz, auch wenn sie sich in Ely den Enkel Sigmund Freuds holten, einen durch Hundefutter-Werbespots und Kochrezepte bekannten Lebensgenießer mit einem traurigen Blick, der ihn vom Typus des lachenden Durchschnittskämpfers anderer Parteien unterscheidet.