Von Florian Bohrer

Knapp eine halbe Stunde bevor die Skylab-Astronauten Alan Bean, Dr. Owen Garriott und Jack Lousma am Donnerstag letzter Woche geweckt werden sollten, schrillte im Himmelslabor eine Alarmsirene. Ausgelöst hatte den verfrühten Weckruf, wie Skylab-Kommandant Bean beim Überprüfen der Instrumente herausfand, eine eingefrorene Steuerdüse an der Apollo-Einheit, mit der die zweite Skylab-Besatzung zu der in 437 Kilometer Höhe um die Erde kreisenden Weltraumwerkstatt geflogen war. Commander Bean taute die Düse mit einem Entfroster auf – das Problem schien gelöst, die aus dem Schlaf gerissenen Astronauten bereiteten sich auf einen normalen Arbeitstag im Weltraumlabor vor.

Wenige Stunden später jedoch, als die Computerbatterien im Johnson Space Flight Center zu Houston die erdwärts gefunkten Kontrolldaten der Steuerdüsen durchgeprüft hatten, gaben auch die irdischen Skylab-Kontrolleure Alarm. Die zweite von vier Steuerdüseneinheiten, die am Versorgungsteil des Apollo-Zubringertaxis außenbords angeordnet sind, war ausgefallen. Den Schaden der ersten Steuerdüse hatte die Skylab-Besatzung wenige Tage zuvor beobachtet – während des Andockmanövers an das Himmelslabor war beim Zünden der Düsen ein Funkenregen sichtbar geworden.

Die vier Steuerdüsen, die jeweils aus vier sternförmig einander zugeordneten Kleinraketenmotoren bestehen, sollen der Apollo-Kapsel mit der Versorgungseinheit volle Beweglichkeit im All sichern. Die getrennt oder paarweise anschaltbaren Schubdüsen wurden beispielsweise während des Reisefluges von und zum Mond oder in der Kreisbahn um den Erdtrabanten gezündet, aber auch, wenn das Mutterschiff mit der vom Mond aufgestiegenen Fähre auf Dockingkurs gebracht werden mußte. Darüber hinaus eignen sich die insgesamt 16 Raketenmotoren als Hilfsantrieb. Ihre Schubkraft reicht aus, ein Apollo-Raumschiff etwa aus der lunaren Parkbahn wieder auf Erdkurs zu bringen, wenn das Haupttriebwerk des Raumschiffs ausfallen sollte.

Die Konstruktion der Steuerdüsen, im Raumfahrerkürzeljargon RCS – für Reaction Control System – genannt, sind einfach konstruiert. Wenn sie angeschaltet werden sollen, müssen in den Zuleitungen der beiden Treibstoffe, (es sind unsymmetrisches Dimethylhydrazin. und Stickstofftetroxid) lediglich Ventile geöffnet werden. Beide Flüssigkeiten strömen aus den unter Heliumdruck stehenden Tanks in die Brennkammern der Steuerdüsen und entzünden sich beim Aufeinandertreffen. Der Treibstoffvorrat reicht aus, um jede der vier Düseneinheiten jeweils knapp 17 Minuten zu feuern.

Um mit dem Taxiraumschiff vom Himmelslabor Skylab sicher zur Erde zurückzukehren, würde es ausreichen, wenn eine einzige der vier Steuerdüseneinheiten funktionstüchtig bliebe. Als am vergangenen Donnerstag ein Schaden in der Treibstoffzuleitung des Stickstofftetroxids in der zweiten Schubeinheit bemerkt wurde, mochten die NASA-Techniker aber nicht ausschließen, daß auch die beiden noch intakten Sterndüsen spätestens beim Anschalten ausfallen könnten. Nur wenige Stunden erwog deshalb der eilends zusammengerufene NASA-Krisenstab in Houston, die Astronauten Bean, Garriott und Lousma sofort zurückzuholen. Zwar sei das Raumschiff, wie Glynn S. Lunney, Manager vom Apollo Spacecraft Program Office, versicherte, "voll flugfähig, und wir könnten, wenn wir müßten, damit durchaus den Rückflug wagen. Doch es ist sehr riskant". So entschied denn das NASA-Management, daß vorerst alles so weiterlaufen solle, als sei es "eine ganz normale Mission" (Cape-Kennedy-Flugdirektor Christopher Kraft).

Diese Entscheidung war für das Leben der Astronauten fraglos die sicherste Lösung. Denn Lebensmittel sowie die für die Atmung notwendigen Sauerstoff- und Stickstoffvorräte reichen hin, damit die Astronauten verhältnismäßig risikoarm für mehr als drei Monate in der Raumstation leben können.