Mit einem 363 Seiten dicken Gutachten ("Ladenzeiten im Umbruch") hat der Saarbrücker Handelswissenschaftler Bruno Tietz die Diskussion um eine neue Ladenschlußregelung wieder in Gang gebracht. Tietz hat den deutschen Einzelhändlern mit seiner Untersuchung, die jetzt im Stuttgarter Poeschel Verlag erschienen ist, einen Vorschlag für ein neues Ladenschutzgesetz vorgelegt: Von Montag bis Freitag sollen die Geschäfte zwischen 6 und 22 Uhr im Sommer und bis 21 Uhr im Winter geöffnet sein. An den Samstagen sollen sie eine Stunde früher schließen dürfen.

Insgesamt soll aber die Öffnungszeit pro Woche nur um vier Stunden verlängert werden. Bis jetzt dürfen die Einzelhändler ihre Geschäfte 64,5 Stunden offenhalten. Nach Tietz’ Empfehlung müßten die Ladenbesitzer deshalb ihre Öffnungszeiten entsprechend der Nachfrage auf die einzelnen Wochentage verteilen.

Der Rat des Experten hat allerdings im derzeitigen Stadium wenig Aussichten, verwirklicht zu werden. Denn die Parteien im Streit um den Ladenschluß scheinen zur Zeit weniger kompromißbereit zu sein als jemals zuvor. Die Befürworter, etwa das "Aktions-Komitee Ladenschluß", zogen schon Anfang Mai gegen die Widersacher vor Gericht. Die PR-Agentur Hoenisch, die für das Aktions-Komitee die Öffenlichkeitsarbeit betreibt, beantragte gegen Hubertus Tessar, Sprecher der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels, eine einstweilige Verfügung. Seither darf Tessar nicht mehr behaupten, daß die Presseverlautbarungen des Aktions-Komitees von "Gerüchten, Halbwahrheiten und Falschinformationen" begleitet seien.

Bruno Tietz hat sich mit seinem Gutachten deutlich als Befürworter einer Gesetzesänderung bekannt. Bereits im Vorwort seiner Untersuchung attackiert er die Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels (HDE). Die Standesorganisation habe, so der Saarbrücker Professor, den "Pfad der sachlichen Diskussion seit langem aufgegeben".

In der Tat weigert sich die Verbandsführung der Einzelhändler, auf die Argumente der Gegenseite einzugehen. Im Pressedienst des Handels kommen seit langem nur noch die Freunde des derzeitigen Ladenschlußgesetzes zu Wort, jeder Verbündete wird gefeiert. So wurde Bundesarbeitsminister Waller Arendt von Fritz Conzen, Präsident des Einzelhändler-Verbandes, belobigt. Arendt hatte lediglich festgestellt, "Arbeitgeber und Arbeitnehmer seien mit den derzeitigen Gesetz einverstanden".

Das Aktions-Komitee widerspricht derartigen pauschalen Urteilen über das Gesetz, das seit 1956 den Ladenschluß regelt. Die Freunde eines neuen Ladenschlußgesetzes, die sich erst Mitte vergangenen Jahres zusammengeschlossen haben, legten Zahlen vor, die keineswegs allgemeine Zufriedenheit widerspiegeln. So ermittelte das Allensbacher Institut für Demoskopie beispielsweise, daß 64 Prozent der berufstätigen Frauen an einer Neufassung des Ladenschlußgesetzes "interessiert" seien.

Allerdings steht der HDE mit seiner Ablehnung gegen eine gesetzliche Neuordnung nicht allein. Unterstützt wird der Kölner Verband von Gewerkschaftsseite. Zu Beginn dieses Jahres drohte Heinz Vietheer, Vorsitzender der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen: "Wenn das Ladenschlußgesetz gelockert würde, dann wird es mit Sicherheit zu Unruhen im ganzen Bundesgebiet kommen." Gleichzeitig lobt er die Einigkeit zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber beim Thema Ladenschluß.

Freilich nicht alle Arbeitgeber sind Anhänger der derzeitigen Regelung. Erivan Haub, als Chef der Gruppe Tengelmann-Kaiser’s Kaffee-Geschäft, Europas größter privater Lebensmittel-Filialist, sprach sich zum Schrecken der Branche für eine gelockerte Ladenschlußregelung aus. Er würde seine rund 900 Läden gern zweimal in der Woche auch bis 21 Uhr offenhalten. Dabei entstehende Personallücken will er mit Studenten und Hausfrauen als Teilzeitkräfte füllen. kde