Von Ernst Richert

Werner Obst: "DDR-Wirtschaft. Modell und Wirklichkeit"; Hoffmann und Campe, Hamburg 1973; 279 S., 26,– DM.

Die Auseinandersetzung mit diesem Buch kommt nicht ohne mehrere Ebenen aus. Der Verfasser gehört zu den ganz wenigen "Insidern" der DDR im politisch-ökonomischen Bereich, die vor einigen Jahren in den Westen hinübergewechselt sind. Von der Werbung wird er als "langjähriger Experte im Planungsstab Willi Stophs" vorgestellt. Auch wenn das nicht so plakativ aufgetragen wäre und "Werner Obst" nicht obendrein die kuriose Panne unterliefe, sich im Vorwort mit dem Namen "Weser-Obst" zu ver- oder zu entfremden, blieben Vorbehalte anzumelden. Zu sehr sind hier – rein im Sachverhalt – Biographie und Analyse verquickt.

Der Autor hat drüben bis vor drei Jahren in ziemlich hoher Position mitgearbeitet. Das hat ihm (in einer begreiflicherweise unfreundlichen Glosse) das Neue Deutschland indirekt bestätigt, als es sich zu einer Serie äußerte, die der Verfasser im Mai 1971 in Springers Welt veröffentlichte. Sein Buch könnte also als Inside-Story von zeitgeschichtlichem Rang und immanenter systemkritischer Analyse seinen Wert haben. Wer unmittelbar unter Stophs Staatssekretär für Staats- und Wirtschaftsführung, Möbis, wie es ja scheinen muß, mitgearbeitet hat, der muß das innere Bezugssystem des Neuen ökonomischen Systems (NÖS) mitbekommen haben. Legitime Gewissenskonflikte sind vorstellbar. Aber erst der intensive Dialog mit dem Autor, nach vorangegangener Story, könnte, wie sich in ähnlichen Fällen fast immer ergeben hat, zu einem unverstellten, informatorisch gehaltvollen Sachkontext des Informanten führen.

Werner Obst (um bei dem Titel-Namen zu bleiben) ist ein Mann ohne Biographie. Was man weiß, ist lediglich dies: Er gehört dem Jahrgang 30 an, also jener Generation der etwa zwischen 1926 und 1935 Geborenen, die den Explosiveffekt der technisch-wissenschaftlichen jungen SED-Intelligenz bewirkt haben. Er hat in Leipzig Betriebswirtschaft studiert, war dann im regionalen Braunkohlenmanagement tätig und von 1964 bis 1969, also in der Glanzphase des NÖS, wissenschaftlicher Mitarbeiter im ökonomischen Grundsatzstab des Ministerpräsidenten.

Seine Kernthesen lauten etwa:

1. Die DDR ist als Gesamtbetrieb aufzufassen (eine sehr annehmbare These).