ZDF, Montag, 6. August: "Familie S. – Versuch einer Verständigung",

von Lutz Eisholz

Daß Lernen Spaß macht, kann nicht wahr sein. Die Lehrer der Nation, die uns im Zeichen der pädagogischen Hochkonjunktur klarzumachen versuchen, daß unser Leben von der Wiege bis zur Bahre in ihren Händen am besten aufgehoben ist, erinnern mich immer häufiger an die Generation ihrer Väter und Großväter, die als Zwölfender aus der Armee in die Volksschule kamen. Von ihnen ist mir noch geläufig, daß sich mit Schweiß, Blut und Tränen am besten lernen lasse. Der Todesernst scheint jedenfalls nach wie vor unumgänglich zu sein, wenn jemandem etwas eingetrichtert werden soll. So war es nur logisch, daß die Geschichte der Familie S. ein elendes Geackere sein mußte; Leute, die ihren Zeigefinger mehr lieben als ihren Nächsten, werden dagegen nicht zögern, es – wetten? – ein verdienstvolles Lehrstück zu nennen.

Umstände hatte sich Lutz Eisholz bei dem Versuch, die Verständigungsschwierigkeiten in einer Arbeiterfamilie zu zeigen, nicht weiter gemacht. Da es ihm nur auf das Wesentliche ankam, ließ er die Kamera einfach auf die Familie halten, setzte sich selber mit aufs Sofa und faßte das Gespräch ab und zu in einer belehrenden Maxime zusammen: Erkenntnis hilft zum bewußten Leben. Wer sich informiert, hat weniger Angst – und so weiter.

Eben damit legte er den Zeigefinger sauber auf die wunden Punkte der Familie S.: Der Vater, 47, Kranführer, 1300 Mark netto, vier Söhne, drei davon aus der ersten Ehe der Frau, Miete 466 Mark, für Auto und Geschirrspüler kein Geld übrig, aber für einen Farbfernseher, den er in 24 Monatsraten abstottert. Der Versuch des Vaters, sich mit seinen halbwüchsigen Söhnen zu verständigen, ist schwierig und geht meistens schief. Woran liegt es? Kluge Frage: Der Vater ist autoritär; dabei weiß er, daß er es nicht sein darf. Er hat von "neuen Ideen" für die Erziehung gehört, ist aber nur halb informiert. Und deshalb sitzt der Vater dort, wo er hingehört, auf der Anklagebank.

Er hat Druck auf seine Kinder ausgeübt. "Kommunistische und sozialistische Sachen" hat er sich von ihnen nicht aufzwingen lassen. Statt Geduld für politische Diskussionen mit den aufgeweckten Söhnen aufzubringen, knallt er Türen. Er hat ihnen auch nicht erlaubt, ihre Freundinnen mit in die Wohnung zu bringen, weil er Angst vor den Nachbarn hatte, und so weiter.

Schlecht, sehr schlecht. Eigentlich dürfte es gar nicht sein, daß Herr und Frau S. das Spiel am Ende nach Punkten gewinnen. Auch wenn sie nachgewiesenermaßen bei dem Verständigungsversuch alles falsch gemacht haben, geben sie sich so unendlich viel Mühe. Sie stehen sogar noch ihre Selbstkritik mit Würde durch und zum Schluß die Fragen, die offenbar jeden ordentlichen, nach didaktischen Regeln aufgebauten Unterricht abschließen: Haben sie etwas aus den Dreharbeiten gelernt? Haben Sie Angst?