Das Thema "Emanzipation der Frau" ist mittlerweile plattgewalzt und ausgepreßt in Diskussionen von Presse, Rundfunk und Fernsehen. Und gerade die Tatsache, daß es so sehr "in aller Munde" ist, macht mich mißtrauisch.

Um es gleich vorweg zu sagen. Ich trete entschieden für eine konsequente Emanzipation der Frau ein. Wogegen ich mich aber wende, ist dieser Emanzipationsrummel, der sich inzwischen erfolgreich durchgesetzt hat.

Betrieben wird er hauptsächlich von der Werbung. Sie nämlich versucht, diese Bewegung systematisch zu vermarkten, um so die neu entstandenen Zielobjekte – nämlich die emanzipierten oder besser die sich für emanzipiert haltenden Frauen – als Kundinnen zu gewinnen. Emanzipation wird in der Werbung zur Modebewegung, zur Masche degradiert, deren Imperativ an die Frauen lautet: Sei emanzipiert und du bist "in".

Doch wie sieht diese Reklame-Emanzipation aus? Am deutlichsten läßt sich dies in Anzeigen von Frauenzeitschriften erkennen: Frauen tragen hier Hosen und Herrenjacketts, gehen ohne BH und rauchen ihre eigenen Zigaretten, die angeblich "für Männerhände viel zu chic" sind.

Dieses Klischee der emanzipierten Frau ist nicht einfach aus der Luft gegriffen. Frauen, die sich allein deshalb für emanzipiert halten, weil sie halbtags arbeiten gehen oder öffentlich Bier trinken wie Männer auch, gibt es häufiger als man denkt, und oft sind es gerade diese "emanzipierten" Frauen, die erstaunt oder mißtrauisch reagieren, wenn ein Mann in einem Geschäft Bettwäsche oder Putzlappen einkauft (weil dies eben nun mal eine weibliche Aufgabe ist) und die es für eine Sache von Anstand und Höflichkeit halten, von einem Mann seinen Sitzplatz im Bus angeboten zu bekommen. Diese Frauen haben noch nicht verstanden, daß Emanzipation nicht angezogen werden kann, sie muß gelernt und gelebt werden. Für diese Frauen ist die Befreiungsbewegung zu einem neuen Zwang geworden: Als Frau muß man sich heute emanzipiert zeigen, wenn man dazugehören und akzeptiert werden will.

Emanzipation bedeutet die Zerbrechung aller Frauenklischees (etwa als Hausfrau und Mutter, als Heimchen am Herd) und des enggesteckten, festen Rollenverhaltens. Ich verstehe unter Emanzipation – ganz egal, ob für Mann oder Frau – die bewußte aktive Wahrnehmung aller Möglichkeiten, die bis jetzt in dieser Gesellschaft nur Männern (oder Frauen) vorbehalten waren. Das bedeutet, daß Frauen künftig in jeder Weise aktiv werden könnten wie Männer, Fußbill spielen, in der Kneipe sitzen, Skat spielen könnten, ohne gesellschaftlich verpönt und verachtet zu werden. Das bedeutet aber auch, daß Männer den Haushalt führen könnten wie Frauen, handarbeiten, Babys versorgen, Blumen gießen und sich schminken wie Frauen, ohne verlacht und diskriminiert zu werden.

Emanzipation ist ein Lernprozeß für Main und Frau gleichermaßen, nämlich eine Bewußtseinserweiterung um die bisherige Erfahrungs- und Erlebniswelt des andersgeschlechtlichen Partners, ein lebenslänglicher Lernprozeß, der automatisch eine größere Toleranz gegenüber Sichanders-Verhaltenden nach sich zieht.

Marion Schröter, 18 Jahre