Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im August

Auch mit der schärfsten Machete in seinem Arsenal, der Gegenüberstellung von Zeugen, kommt der Parlamentsausschuß, der die Affäre Steiner/Wienand aufklären soll, im Dschungel der widersprüchlichen Aussagen nur mühsam voran. Es zeigte sich gleich zu Beginn der erneuten Vernehmung Julius Steiners in dieser Woche, als der ehemalige CDU-Abgeordnete dem Stuttgarter Verfassungsschützer Fritz Schülke konfrontiert wurde, der für Steiner bei dessen Kontakten mit dem Geheimdienst der DDR so etwas wie ein Agentenführer gewesen ist. Geklärt werden sollte, inwieweit Steiner "seinen" Mann vom baden-württembergischen Landesamt für Verfassungsschutz über den Umfang des Salärs unterrichtet hat, das er aus Ostberlin erhalten haben will.

Steiner hatte dazu mitgeteilt, er habe von Januar bis Mai dieses Jahres, bis zu jenem Zeitpunkt also, als er sich plötzlich dem Spiegel offenbarte und die ganze Sache aufflog, in Ostberlin monatlich 3000 Mark zuzüglich jeweils 500 Mark an Reisespesen bar auf die Hand kassiert und darüber Schülke ins Bild gesetzt. Schülke hingegen hatte ausgesagt, daß er nur über den ungefähren Spesensatz informiert worden sei und von einem größeren Betrag erst später etwas gehört habe. Außerdem habe ihm Steiner gesagt, daß das Geld auf ein Schweizer Konto überwiesen und nicht bar ausgezahlt werde.

Dazu wiederum Steiner: Er habe Schülke durchaus unterrichtet. Und im übrigen: Zwar sei der Monatslohn einmal auf das Schweizer Konto überwiesen, sonst aber immer in Hundertmarkscheinen gebündelt ausgehändigt worden. Darauf der Vorhalt des Ausschußvorsitzenden Friedrich Schäfer: Schülke habe aber etwas ganz anderes erzählt. Dazu wiederum Steiner mit einigermaßen entwaffnender Einsilbigkeit: "Dann haben wir uns mißverstanden" – eine Bemerkung, der er später hinzufügte, bewußt habe er Schülke jedenfalls keine falschen Angaben über sein Agentenhonorar gemacht.

Auch in solchen Augenblicken sitzt Julius Steiner, in einem sommerlich hellbraunen Anzug mit Pfeffer-und-Salz-Muster, mit der Miene eines Biedermannes im Zeugenstuhl und blickt seinen ehemaligen Agentenführer halb erstaunt, halb entrüstet an, als wolle er sagen: Das kann doch gar nicht wahr sein, daß wir uns so mißverstanden haben. Aber Mißverständnisse, wenn nicht Irreführungen muß es gegeben haben; denn einigen konnten sich Agent und Agentenführer auch nicht darüber, wann eigentlich der Spionagevertrag mit der DDR unterschrieben worden ist. Steiner datiert die Unterschrift auf den Januar 1973, Schülke erst auf den März. Und keine Übereinstimmung besteht zwischen beiden auch über den Umfang des Spionageauftrags. Während Steiner angibt, er habe auf Ostberliner Wunsch unter anderem aus der CDU "herausholen sollen, was herauszuholen ist", kann sich Schülke, dem Steiner angeblich alles berichtet haben will, an eine solche Äußerung partout nicht erinnern.

Die Sache wird nicht einfacher dadurch, daß beide in ihren Reminiszenzen nicht gerade präzise sind. Julius Steiner zum Beispiel will schon im April, spätestens aber um den 14. oder 15. Mai herum, als er nachweislich zum letztenmal in Ostberlin war, den Auftrag erhalten haben, Informationen über den neuen CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Carstens und dessen Umgebung zu beschaffen. Tatsächlich aber ist Carstens erst am 17. Mai, und wie jedermann noch weiß: einigermaßen überraschend, an die Spitze der Fraktion gewählt worden.