Wo sich die Rassen verzahnen, sind die Brennpunkte der Kultur", schrieb einmal der Kunsthistoriker Wilhelm Pinder. Ein solcher Raum der Begegnung und Befruchtung ist Kappadokien im Herzen Anatoliens. Hethiter, Griechen, Römer, Christen, Seldschuken und Osmanen haben hier ihre Spuren hinterlassen, die in ganz spezifischer Weise eine Symbiose mit der so eigentümlichen Landschaft eingegangen sind.

Nachdem in den fünfziger und sechziger Jahren zwei Bildbände über die Höhlenkirchen in Kappadokien und ihre byzantinischen Wandmalereien in der Bundesrepublik erschienen sind, legt nun der Nagel Verlag einen Prachtband vor:

Kunst in Kappadokien, herausgegeben von Luciano Giovannini, deutsche Bearbeitung Lotte Stratil-Sauer; Nagel Verlag, München, 112 Photos, 112 Skizzen, Pläne und Karten, 230 Seiten, 165 Mark.

Zwölf Fachwissenschaftler bringen in diesem großartigen Buch weit über das Thema hinausreichend dem Leser Kappadokien in geologischer, historischer, religiöser und kunstgeschichtlicher Sicht nahe. Im Mittelpunkt stehen die farbigen Fresken der zahlreichen Felskirchen, die ein einmaliges Freilichtmuseum byzantinischer Kunst darstellen.

Usprünglich war Kappadokien eine Zufluchtstätte der ersten Christen. Von hier gingen starke mönchische Ströme von den Christen wie auch von Moslems aus. Die Landschaft aus Fels und Tuff, die von der Erosion zu bizarren Pyramiden geformt wurde, schien zur Meditation und Weltflucht zu verführen. Nicht nur Kirchenväter lehrten hier, auch Mevlana, der persische Gründer des Derwischordens, wurde von dieser in grellem Ocker mit violetten Schatten gehüllten Landschaft inspiriert.

Der Tourist kann heute noch, wenn er Glück hat, die "tanzenden Derwische", die sich ununterbrochen in ihren weißen Gewändern im Kreise drehen, erleben. Freilich heute ist der ehemals kultische Tanz zu einer Folkloreveranstaltung profaniert, denn Atatürk hatte den Orden der Derwische, der sich eine verhängnisvolle Machtstellung im Osmanenreich erobert hatte, aufgelöst.

Aber die größte Attraktion für den Reisenden bleiben doch die Höhlenkirchen von Göreme. In den Kegeln aus weichem Tuff sind kleine Kirchen und Mönchsklausen hineingearbeitet, deren Wände von Fresken bedeckt sind. Nirgendwo findet sich eine solche Fundgrube religiöser, byzantinischer Malerei über die Jahrhunderte hinweg. Die phantastische Mondlandschaft, wie man sie vor Armstrong benannt hat, tut ein übriges, um diese Gegend zu einem touristischen Höhepunkt zu erheben, der mit drei Sternen im Reiseführer versehen werden sollte.