Eine eindringliche Warnung vor erhöhtem Alkoholgenuß während der Schwangerschaft sprechen vier amerikanische Mediziner aus Seattle nach Studien an Kindern von chronisch unter Alkohol stehenden Müttern aus. Alle diese Kinder, die aus den drei Bevölkerungsgruppen Indianer, Schwarze und Weiße stammten, zeigten dieselben Symptome: intellektuell und im Wachstum zurückgeblieben, leichte Anormalitäten am Herzen, am Kopf und an den Gliedern. Das Gewicht lag schon bei der Geburt bei der Hälfte des Normalen; keines der Kinder erreichte einen Intelligenzquotienten von über 83, viele lagen darunter.

Die Ärzte Kenneth L. Jones, David W. Smith, Christy N. Ulleland und Ann P. Streissguth, die diese Untersuchungen durchführten, fassen diese Symptome zu einem "Syndrom" zusammen, das nach jüngsten Feststellungen unter der Nachkommenschaft trunksüchtiger Mütter erschreckend häufig ist. Schätzungen sprechen von zwanzig Prozent. Dabei ist noch unbekannt, wie chronischer Alkoholkonsum diese Erscheinungen hervorruft: handelt es sich um einen direkten toxischen Effekt des Alkohols, eines Nebenbestandteils im Fusel oder eines Abbauprodukts im Körper, oder ist es die Folge einer Stoffwechselstörung, vielleicht eines Vitaminmangels, die nur indirekt durch das Gift induziert wurde? Einfache Unterernährung, wie sie in den betroffenen Schichten der Bevölkerung ebenfalls nicht selten anzutreffen ist, ruft allein nicht dieses Syndrom hervor, besonders wirkt sie sich nicht auf die Größe des Fötus aus.

Weitere Untersuchungen sollen jetzt klären, ob auch schon mäßiger Spirituosengenuß ähnliche Folgen, wenn auch vielleicht in abgeschwächter Form zeitigt, und zu welcher Zeit der Fötus am stärksten gefährdet ist. Sicher ist, daß der genossene Alkohol mit nur geringer Verzögerung das werdende Kind erreicht und von der Plazenta nicht zurückgehalten wird. Experimente an Affen haben sogar gezeigt, daß der Promillewert in den Geweben des Fötus bis zu zehnmal höher war als in denen der Mutter.

Rainer Köthe