Eine Woche vor dem vom US-Kongreß festgesetzten Endtermin des Luftkrieges in Kambodscha hat ein Fernbomber vom Typ B 52 am Montag versehentlich die von Regierungstruppen gehaltene Stadt Neak Luong mit einem Bombenteppich belegt. Etwa 150 Zivilisten und Soldaten wurden getötet, doppelt so viele Menschen verletzt.

Kurz zuvor hatte es ein Richter des Obersten amerikanischen Bundesgerichts abgelehnt, das Urteil eines New Yorker Bezirksgerichts zu bestätigen, wonach die amerikanischen Luftangriffe in Kambodscha sofort hätten eingestellt werden müssen. Begründung: Da der Kongreß niemals einen Krieg erklärt habe, seien die Angriffe gesetzeswidrig.

Dieser Beschluß war für die Regierung Nixon besonders peinlich, weil in den Untersuchungen des Senats inzwischen durch die Aussagen vieler Offiziere und Soldaten bekanntgeworden ist, daß der Präsident in den Jahren 1969 bis 1971 insgeheim seine B 52 zu Einsätzen nach Kambodscha schickte. Die Einsatzberichte und Verlustlisten der Luftwaffe wurden auf höchsten Befehl gefälscht, die Mitglieder der Regierung bei Befragungen durch den Senat zu falschen Aussagen bewogen.

Trotz unablässiger Luftangriffe hat die Angriffsfreudigkeit der etwa 20 000 Mann der Rebellenarmee des Prinzen Sihanouk vor der Hauptstadt Pnom Penh kaum nachgelassen. Obwohl die Stadt von 50 000 Soldaten verteidigt wird und noch für mindestens einen Monat Vorräte hat, sind bisher etwa 3000 Familien hoher Regierungsbeamten und reicher Kaufleute ins Ausland geflohen, unter ihnen auch die Angehöriger des Polizeichefs.

Die Regierung in Saigon eröffnete inzwischen einen Nervenkrieg gegen die "Khmer Rouge". Falls sich das Regime Lon Nol nach dem 15. August nicht mehr halten könne, müsse sich Südvietnam vorbehalten, dem Nachbarn mit Luft- und Landstreitkräften zu Hilfe zu kommen Auch die Militärs in Thailand, von wo aus die amerikanischen Kampfflugzeuge starten, machten Andeutungen über Hilfsaktionen zugunsten des bedrängter Regimes in Pnom Penh. Die Vieldorf haben vorsorglich erklärt, eine Entsendung südvietnamesischer Truppen in da Nachbarland käme einer Verletzung de Pariser Waffenstillstandsabkommen: gleich; die Vietcong müßten dann "all notwendigen Konsequenzen" ergreifen.

Die Vereinigten Staaten gewährten unterdessen ihrem Verbündeten Südviet nam einen langfristigen, zinsvergünstig ten Kredit in Höhe von 50 Millionen Dollar.