Die Münchner Philharmoniker, die sich neben dem Bayerischen Staatsorchester zu einem gleichwertigen zweiten Opernorchester entwickelt haben, blieben der Sensibilität ihres Dirigenten Giovaninetti nichts schuldig. Der junge Südfranzose ist zwar der "logischen Schärfe", die Boulez an Debussys Musik betont, stets auf der Spur, auch der Dramatik fehlt es bei den entscheidenden Zuspitzungen nicht an Schlagkraft, doch gilt seine Aufmerksamkeit vor allem den feinen Farbnuancen und tönenden Lichtbrechungen, mit deren Auffächerungen er der Ponnelleschen Inszenierung in die Hand arbeitet.

Münchens Staatsoper kann alle Rollen glänzend besetzen: Mélisande mit dem empfindungszarten, doch leuchtenden Sopran von Edith Mathis, Pelléas mit dem makellos singenden jungen lyrischen Bariton (nicht Tenor!) Wolfgang Brendel, Golaud mit dem bis zu hysterischem Sadismus sich versteigenden Charakterbariton Victor Conrad Braun. Ausgezeichnet auch der orakelhafte Baß von Giorgio Tozzi (Arkel), der ausdrucksstarke Alt Hertha Töppers (Genevieve), der Tölzer Knabe Hans Buchhirl (Yniold) und Robert Holl (Arzt).

Leider gab es nur drei Aufführungen, die nächsten sollen erst wieder während der Münchner Festspiele im Sommer 1974 stattfinden.