Er war Leichtmatrose, aber nicht lange. Die christliche Seefahrt befriedigte Jochen Mass nicht so sehr, als daß er sein ganzes Leben auf einem Schiff hätte zubringen mögen. So hängte er vor sieben Jahren seinen einstmals erstrebten Beruf an den Nagel und wandte sich einer neuen Beschäftigung zu: Autorennen. Wie man heute sieht, mit Erfolg. Mass lernte sein Handwerk von der Pike auf. Zuerst als Mechaniker, dann als Tourenwagenfahrer. 1969 wird zur ersten vollen Saison für den damals 22jährigen. Auf einem Alfa Romeo wird er zu einem der härtesten Konkurrenten von Gerhard Schüler, der damals als einer der kommenden Leute im Rennsport galt.

Jochen Meerpasch, zu dieser Zeit Rennleiter bei Ford Köln, wird auf den jungen Nachwuchsmann aufmerksam. Mass wird in einen Ford Capri gesetzt und belegt bei der Berg-Europameisterschaft den zweiten Platz. Ab 1971 führt der Weg des Kölners dann steil aufwärts. Auf einem Werks-Capri RS gewinnt er die Deutsche Tourenwagenmeisterschaft überlegen. Ende der Saison sitzt er am Steuer eines Formel-3-Rennwagens, beim vierten Start mit diesem Fahrzeug holt er sich im englischen Castle Combe seinen ersten Sieg. Bei der südafrikanischen Springbock-Serie gewinnt er drei von fünf Rennen, bei denen er mit einem Capri an den Start geht. 1972 dann, unter den Fittichen des neuen Ford-Teamchefs Michael Kranefuß, kommt der internationale Durchbruch. Mass wird Tourenwagen-Europameister.

Gute Beziehungen der Kölner Rennabteilungen von Ford sorgen dafür, daß die programmierte Karriere des Deutschen ihren weiteren Weg nimmt. Auf einem Formel 2 March-Ford fährt Mass immer dann, wenn March-Starfahrer Ronnie Peterson aus Schweden verhindert ist. Daß man ihn nicht zu Unrecht auf einen solchen Wagen gesetzt hat, beweist er mit einem Sieg auf dem Nürburgring (wo allerdings die Elite nicht am Start ist).

In diesem Jahr ist der erst 26jährige auf der Erfolgsleiter ganz nach oben geklettert. In der Formel 2 macht er bei den Rennen zur Europameisterschaft auf einem Surtees-Ford TS 15 Furore, allein der Franzose Jean-Pierre Jarier vermochte bisher dem Deutschen auf und davon zu fahren. Immerhin nimmt Mass nach zwei Siegen in der Wertung einen sicheren zweiten Rang hinter Jarier ein, dem allerdings ein leistungsmäßig überlegener Wagen zur Verfügung steht.

Es kam, wie es kommen mußte. Am Ende der systematisch aufgebauten Karriere stand der Einsatz im Grand-Prix-Wagen. Eigentlich war Mass’ erster Start für den Großen Preis auf dem Nürburgring geplant, doch die guten Leistungen beeindruckten Teamchef John Surtees so sehr, daß er seinem Formel-2-Star bereits beim englischen Weltmeisterschaftslauf in Silverstone einen seiner Formel-1-Boliden zur Verfügung stellte. Unter 29 Bewerbern erreichte der Grand-Prix-Neuling im Training einen beachtlichen vierzehnten Platz, im Rennen allerdings konnte er sein Können keine zwei Runden unter Beweis stellen, denn durch den von Jody Scheckter verursachten Massenunfall wurde sein Surtees so stark beschädigt, daß an ein Weiterfahren nicht mehr zu denken war.

Doch beim vom AvD veranstalteten Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring gab es keinen Unfall. Mass – in seinem zweiten Grand Prix – beeindruckte Zuschauer und Mitkonkurrenten. Nach dem Training noch auf dem 15. Rang, zeigte er im Rennen, daß er vor klingenden Namen kaum Respekt hat. Von Anfang an kämpfte der Kölner in einer Gruppe mit Reutemann, Pace, Hulme, Wilson und Emerson Fittipaldi und Regazzoni. Einmal, in der zwölften Runde, gelang es ihm sogar, Weltmeister Fittipaldi (der mit einem verstauchten Fuß fuhr) vom sechsten Platz zu verdrängen. Am Ende sprang ein siebenter Rang heraus, was zwar nicht mehr zu einem WM-Punkt reichte, aber als sehr guter Einstand bezeichnet werden kann. Wieviel Grand-Prix-Rennen Mass in diesem Jahr noch fahren wird, weiß er nicht. Man darf jedoch sicher sein, den Deutschen in Zukunft öfter am Volant eines Grand-Prix-Wagens zu sehen.

Stewarts Sieg am Ring (es war sein 27. Grand-Prix-Erfolg) macht die diesjährige Weltmeisterschaft etwas langweiliger als sie hätte sein können. Der Schotte führt nun mit nicht weniger als 60 Punkten bei vier noch ausstehenden Rennen in der Weltmeisterschaftswertung vor seinem Team-Gefährten Francois Cevert, der es bisher auf 45 Zähler gebracht hat. Dann erst folgt der Weltmeister des vergangenen Jahres Emerson Fittipaldi mit 42 Punkten, ein Fittipaldi, der sich schon sehr wird anstrengen müssen, will er seinen Titel erfolgreich verteidigen. Seine Chancen sind jedoch nach seinem Unfall beim Großen Preis von Holland stark gesunken, wo er mit über 200 Stundenkilometern gegen die Leitplanken fuhr und sich dabei am Fuß verletzte.