Der einstige DDR-Diktator starb als Unperson

Von Wolfgang Leonhard

Am Morgen des 30. April 1945 flogen zehn deutsche Kommunisten unter Führung Walter Ulbrichts – schon damals "Gruppe Ulbricht" genannt – aus Moskau nach Deutschland zurück. Der Aufbau neuer Verwaltungsorgane in den Berliner Bezirken, die Errichtung einer zentralen Berliner Stadtverwaltung und schließlich die Neugründung der kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) waren ihre wichtigsten Aufgaben. Als jüngstes Mitglied dieser Gruppe erlebte Wolfgang Leonhard von Anfang Mai bis September 1945 Ulbricht aus nächster Nähe.

Ulbrichts hervorstechende Eigenschaften waren seine organisatorische Begabung, sein phänomenales Namensgedächtnis, sein Interesse für organisatorische Details, sein außerordentlicher Fleiß. Er konnte bis zu 16 Stunden am Tag arbeiten und schien die Namen und Eigenschaften von Hunderten von Funktionären im Kopf zu haben. Mit diesen Talenten baute er nach 1945 den Apparat auf, dessen Repräsentant und Führer er werden sollte.

Ständig die politische Linie und die Festigung seiner eigenen Macht vor Augen, verfügte er über einen außerordentlichen Instinkt, der ihm anzeigte, wo eventuelle Gefahren drohen könnten – eine Fähigkeit, die es ihm ermöglichte, die gefährlichsten Klippen zu umschiffen. So ausgeprägt sein politischer Instinkt, so wenig existierten für ihn allerdings alle anderen Seiten des menschlichen Lebens. Literatur und Kunst, Musik und Naturschönheiten existierten für ihn nicht – abgesehen von den wenigen Ausnahmen, wo dies für "die Partei" zufällig gerade einmal notwendig wurde. Auffallend und für mich selbst damals erschütternd war sein geringes Interesse für theoretische Probleme, auch und gerade für Probleme des Marxismus; sie beschäftigten ihn kaum. Organisation, Macht und taktische Erwägungen hatten bei ihm längst die marxistischen Ideale verdrängt – wobei sein Machtstreben mit Härte und Rücksichtslosigkeit in der Durchsetzung der Ziele gepaart war.

Unauslöschlich prägte sich mir die Kaltschnäuzigkeit und Härte ein, mit der Ulbricht nach zwölf Jahren Emigration die ersten deutschen Genossen behandelte, die wir in Neukölln am 2. Mai 1945 wiedertrafen. Den idealistischen Berliner Kommunisten, die mehr als ein Jahrzehnt unter Hitler gelitten und gekämpft hatten, leuchtete die Freude, den Kampfgefährten aus Moskau wiederzusehen, aus den Augen. Ulbricht dagegen blieb völlig ungerührt; für ihn waren sie nur Schräubchen in der großen Maschine. Immer wieder wies er uns in den Mai- und Junitagen 1945 an, alle damals spontan gegründeten antifaschistischen Komitees und Ausschüsse sofort aufzulösen – was nicht von oben organisiert und sanktioniert, wurde, war ihm ein Greuel. Auch in den seltenen Stunden der Freizeit konnte Ulbricht sich nicht entspannen – Wärme und Natürlichkeit fehlten ihm. Sein verkniffenes Gesicht, sein Argwohn und Mißtrauen – aber auch sein Pflichtbewußtsein verließen ihn keinen Augenblick lang.

So war es sicher auch kein Zufall, daß Ulbricht zunächst im Schatten Piecks und Grotewohls stand, die beide eine größere Ausstrahlungskraft hatten. Erst Ende 1946, als der bürokratische Apparat errichtet war, stieg Ulbricht zum Spitzenführer auf. Als einziger der 1945 von Stalin eingesetzten Funktionäre gelang es ihm, sich über ein Vierteljahrhundert lang an der Macht zu halten: von 1946 bis 1971. Ulbricht traf sich wiederholt mit Stalin; er verhandelte mit Stalins Nachfolgern Malenkow, Berija und Molotow; nach deren Sturz kam er oft mit Chruschtschow zusammen, überlebte auch dessen Sturz, schließlich tauschte er noch mit Breschnjew den Bruderkuß. Kremlführer kamen und gingen – Ulbricht blieb.