Die hohen Zinsen wirken: In den Industriestaaten erwartet man 1974 ein schwächeres Wachstum

Nun haben alle "das höchste Zinsniveau ihrer Geschichte". Nach und nach sind die großen Industriestaaten dem Beispiel der Bundesrepublik gefolgt und haben die Kreditbremsen angezogen. Zuletzt die USA: Einige Banken haben die Prime Rate (den Zinssatz, zu dem Gelder an erstklassige Kunden verliehen werden) auf neun Prozent heraufgesetzt.

In der Verteuerung der Kredite sehen die Konjunkturpolitiker der westlichen Welt immer noch die wirksamste Waffe im Kampf gegen die Inflation. Andere Maßnahmen, so vor allem die Beschränkung der Staatsausgaben oder die Abschöpfung von Kaufkraft durch Steuererhöhungen, lassen sich aus innenpolitischen Gründen meist nicht oder nur sehr unvollständig verwirklichen. So setzen die Regierungen darauf, daß "teures Geld" die Lust am Investieren vermindert – und dann die Überkonjunktur abebbt.

Freilich: Schnelle Erfolge sind so nicht zu erzielen, der Bremsweg ist lang. Die jüngsten statistischen Veröffentlichungen zeigen, daß der Inflationsdruck in fast allen Ländern noch zugenommen hat. Die Preissteigerungsraten liegen in den meisten Staaten zwischen sieben und zehn Prozent. Und selbst Optimisten rechnen mit einem Tendenzumschwung frühestens im Winter.

Geduld ist also heute eine wichtige Tugend der Konjunkturpolitiker. Immerhin gibt es erste Anzeichen dafür, daß das ständige Anziehen der Kreditschrauben nicht wirkungslos bleiben wird. In der Bundesrepublik zum Beispiel ist der Auftragseingang bei der Industrie im Juni spürbar schwächer gewesen als im (allerdings besonders hektischen) Mai. Und in den USA hat die erneute Erhöhung der Prime Rate sofort einen Kurssturz in Wall Street ausgelöst, weil man an der Börse damit rechnet, daß nun doch eine ganze Reihe von Unternehmen Kürzungen bei Investitionen vornehmen wird.

Die Prognose der OECD, in der die wichtigsten westlichen Industriestaaten vereinigt sind, lautet denn auch für 1974: langsameres Wachstum bereits in der ersten Jahreshälfte.

Besonders ausgeprägt, so sagen die Experten der Organisation voraus, wird die Konjunkturabschwächung in den USA sein. Das reale Wachstum des amerikanischen Sozialprodukts, das in diesem Jahr über sieben Prozent betragen wird, wird nach der OECD-Prognose in den ersten sechs Monaten des nächsten Jahres auf 4,5 Prozent zurückgehen. Eine Verminderung des wirtschaftlichen Wachstums in den USA wird in doppelter Weise auf Europa rückwirken: Einmal wird der Importsog geringer werden, zum anderen dürften die amerikanischen Produzenten stärker auf den Weltmarkt drängen. Die Dollarverbilligung wird sich also erst dann richtig auswirken.